Essays

»Lolita - Fleisch und Begriff
Zu Nabokov«

Wenn sich der derzeitige - und seit 1985 amtierende - Schachweltmeister Gary Kasparow in seinem Essay Einsteins Muskel vom 28.4.1997 im Nachrichtenmagazin Der Spiegel, in dem er sich vor seinem Spiel gegen den Schachcomputer »Deep Blue« von IBM mit den Möglichkeiten und Bedingungen "künstlicher" Intelligenz auseinandersetzt, auf Vladimir Nabokov beruft, um den Unterschied zwischen dem Funktionieren des technischen Geräts und der Arbeit des menschlichen Gehirns zu beschreiben, so kann dies kein Zufall sein. Nicht nur weil der Kaukasier aus Baku Russe ist oder zumindest einer, dessen Muttersprache Russisch ist, was ihn mit dem seit Mitte seines Lebens Englisch schreibenden Russen Nabokov verbindet -: Nabokov spielte nicht nur selbst Schach, er war einer, dem das Schachspiel und das Ersinnen von Schachproblemen nächst der Literatur und den Schmetterlingen, die er jagte und erforschte, als eine Spielart der Lebenserfahrung explizit und existentiell am Herzen lag. "Schachprobleme erfordern dieselben Tugenden wie jede künstlerische Betätigung, die diesen Namen verdient: Originalität, Einfallsreichtum, Knappheit, Harmonie, Komplexität und erhabene Täuschung." Wo die Maschine einen Zug macht, den sie sich in an Lichtgeschwindigkeitsmargen meßbaren Zeiteinheiten aus Millionen von Möglichkeiten erarbeitet, folgt der Mensch nach Ausschöpfung aller seiner Speicher- und Kombinationskapazitäten dem "Gefühl" (Kasparow), um zu demselben Ergebnis zu kommen. Kasparow vergleicht die Maschine mit Arnold Schwarzenegger, der sich gewissermaßen "mit bloßer Muskelkraft dem Geist von Albert Einstein" annähert. Sicherlich hätte Deep Blue, befragt nach den Urgründen des Nabokovschen Interesses an gewissen verfänglichen und perversen Neigungen und Sexualpraktiken, in Sekundenschnelle das Ergebnis aus dem Datenwust herausgefiltert, das dem Autor der Lolita selbst erst lange nach Erscheinen dieses Buches zugänglich gemacht wurde...

»Die Elbe leuchtet - Selbstbild auf Flußuntergrund - Eine Vorstudie«

Etwa so:
Eine Frau schleppt sich über den vereisten unbestellten Acker, sie zieht zwei Kinder an ihren Händen hinter sich her. Zwischendurch verharrt sie. Vielleicht sinkt sie auf die Knie, um in weit umfassender Geste die beiden Kinder zu umarmen. Sie verharrt wie eine Pietà. Die Kinder sind still, gehorsam, verständig, eines ist drei Jahre alt, das andere fünf. Die Frau erhebt sich, sie stolpert, sie fängt sich, es ist nicht weit bis zum Ufer. Das Ufer ist weit ausschwingend und flach. Sie erreichen das Ufer. Sie verharren. Die Frau verharrt. Dann geht eine Bewegung durch ihren Körper, der in einen dünnen Mantel gehüllt ist, es ist wie ein Stoß, der den Kopf zum Himmel wirft. Dann greift sie mit letzter Kraft fester zu, sie umklammert die Hände der Kinder und beginnt den Gang ins Wasser, in dem alsbald die stummen gehorsamen Kinder vor ihr verschwinden, dann ist Stille über dem Strom, vielleicht schieben sich Eisschollen über die Körper, so daß sie nicht an die Oberfläche gelangen vor der Mündung des Stroms, dem Meer, dem Ende...