Hörspiele

»Barfuss in Stiefeln - Die einzige Begegnung zwischen Dostojewskij und Flaubert«

Die Literaturgeschichtsschreibung behauptet, daß der russische Schriftsteller Fjodor Michailowitsch Dostojewskij (1821—1881) und der französische Schriftsteller Gustave Flaubert (1821 —1880), die beiden Monolithen des Romans im 19. Jahrhundert, sich nie begegnet sind; wenn sie das nicht behauptet, so verschweigt sie zumindest ein Zusammentreffen. Wir sollten jedoch schon aus dem einfachen Grunde, weil Dostojewskij und Flaubert wie kaum andere die europäische Literatur- und Geistesgeschichte des 20. Jahrhunderts geprägt haben, davon ausgehen, daß sie sich doch begegnet sind. Im Spätsommer 1863 hielt sich Dostojewskij ein paar Tage in Paris auf. Flaubert, dessen Roman Salammbô im Vorjahr erschienen war, begann um diese Zeit mit den Vorbereitungen und Recherchen für seinen Roman Éducation sentimentale, der zum zeitgeschichtlichen Hintergrund die Revolutionsjahre um 1848 haben sollte; des öfteren machte er sich aus seiner einsamen Klausur in Croisset bei Rouen für kurze Arbeitsaufenthalte auf nach Paris. Sicher ist nur, daß niemand außer den beiden selbst bei dem einzigen Zusammentreffen zugegen war. Wie aber verlief die Begegnung? Die schriftlichen Lebensäußerungen von Flaubert und Dostojewskij, dokumentiert in Briefen und Werken bis zu dem Tag - oder vielmehr: der Nacht ihrer Begegnung, legen nahe, daß sie sich wie folgt abgespielt hat...