»Brandig«

Auszug aus dem Anfang des achten Kapitels, Teil III

»Das Erschauen«, sagte Max Myslik — wir hatten diese kleine unscheinbare Bar ganz in der Nähe seiner Unterkunft, über deren Tür in verwitterten, rissige Farbschichten abblätternden Buchstaben stand: Vins • Liqueurs • Bois • Charbons, betreten, in der Ecke Butangasflaschen, Kohlesäcke, Ölkanister, Brandig - TB Brandig wir waren die einzigen Gäste, der gebückte Alte hinter der Theke wusch mit schweren Händen — in Finger und Innenflächen tief schwarz eingegraben Linien wie das Vernetzungsschema unterirdischer Flöze — unter laufendem Wasserhahn zwei Gläser mit hohen Stielen und sagte: comme toujours? worauf Myslik antwortete: comme toujours, so daß der Alte nach einer Flasche im Kühlfach griff und einschenkte: deux côtes alors, murmelte er, und da mein Glas überlief, beugte ich mich mit den Lippen an seinen Rand und nippte an dem eisgekühlten Roten, während Myslik, die Hand am Glas, wiederholte: »Schon das bloße Erschauen.« Er blickte sich zwischen Flaschen, die vor der Spiegelwand hinter der Theke aufgereiht standen, ruhig und lang anhaltend ins eigene Gesicht. Dann richtete er - über den Spiegel - den Blick auf mich. »Es ergriff meinen ganzen Körper«, sagte er. »So wurde von einem Augen-«, er zögerte, »von einem Augen-Blick zum anderen das Erschauen zu meiner Existenz.« Er hob sein Glas. »Was das bedeutet«, sagte er, »habe ich vorher nicht gewußt, und jetzt, da diese Existenz vorüber ist, nichts jedoch vergessen, ist alles, was ich sehe, erblicke, erkenne, nicht erschaut, sondern nur noch ein...« er zögerte abermals: »unaustragbarer Schmerz. Ich sehe alles lediglich an... natürlich mit anderen Augen... und ich sehe«, sagte er, vermutlich weil ich nun meinen Blick senkte, »daß du nicht verstehst, wovon ich spreche. Aber ich werde es dir erklären.« Er trank sein Glas in einem Schluck leer und der Alte füllte es sogleich wieder unaufgefordert bis an den Rand. »Ich saß«, sagte Myslik, »wie jeden Nachmittag im Cafe an der Busstation, um mir die Menschen anzuschauen. Unter den ankommenden Einheimischen — du weißt: Federvieh unter den Achseln, Hirtenstäbe, Brotbeutel und Bündel von Kräutern — immer auch ein paar Fremde. So wie unlängst vermutlich noch du. Ich überblicke den Platz, die Schleife der von der Hügelkette im Osten auf den Platz führenden Straße, das Meer. Ich höre die wie eine Sirene aufheulende Hupe des Busses und sehe die Räder, die den Staub aufwirbeln. Das Fahrzeug hält. Die Reisenden steigen aus. Ich bemerke eine kleine kräftige Gestalt, die mir den Rücken zukehrt. Sie wirft den Kopf in den Nacken. Das lange glatte Haar fliegt hell über die Schultern. Die Gestalt trägt weit um die Beine schlotternde, aber prall auf den Hüften und den Schenkeln sitzende blue jeans. Sie langt nach dem Rucksack, den ihr der aufs Busdach gekletterte Fahrer hinunterreicht. Sie steht auf Zehenspitzen. Hat Sandalen an. Sie hängt sich den Rucksack lose in einer Schlaufe über eine Schulter. Ich sitze im Inneren des Cafes. Im Schatten. Tür und Fenster stehen offen. Es ist eine milde Kühle im Raum. Ein Hauch von die Wände entlangwandernder Luft. Die Gestalt draußen inmitten der Bewegung der Ankömmlinge und der sie Begrüßenden steht etwas krumm und schräg. Wie angewurzelt, verwachsen. Kehrt mir weiterhin den Rücken zu. Eine Strähne des Haars ist ihr zwischen die Rucksackschlaufe und die Schulter geraten. Jemand — ein einheimischer Bursche — spricht sie an. Sie greift sich mit einer Hand in den Nacken unter das Haar, stemmt mit der anderen den Rucksack rücklings kurz in die Höh und dreht sich, dem, der sie ansprach, den Rücken kehrend, ruckartig um.« Brandig — oder vielmehr: Myslik nahm einen Schluck und rollte kaum merklich, sah ich, als ich zögernd wieder aufblickte, den Kiefer in seinem verwüsteten Gesicht; wie einer, der eine glühende Kugel zu kühlen versucht zwischen Zunge und Gaumen. »Das Erschauen eines Menschen«, sagte er, »kann bis in die tiefsten Abgründe deiner Seele fahren.« Wahrhaft seltsame Worte. Seltsam, wahrhaftig — wären sie aus dem Mund eines Paul Brandig gekommen. Aber sie kamen ja, daß ich es bloß nicht vergesse, aus Max Mysliks Mund. »Und die«, sagte er und meinte also wohl die Seele, »sitzt da, wo« — er wies mit dem Zeigefinger auf sein Herz — »das Herz stille steht, wo « — er schloß die Hand zu einer Faust vor dem Leib — » der Magen dicht macht, wo« - er krallte seine Finger in den Unterleib — »der Darm sich windet in Krämpfen — überall«, sagte er und ließ die Hand fallen, führte sie aber sofort wie unwillkürlich und von ihm selbst unbemerkt an den Kopf, als wollte er sich den feinen glänzenden Schweißfilm wegwischen, der ihm auf der Stirn lag. Aber die Hand machte nur einen fahrigen Bogen an seinem Kopf vorbei zu seinem Glas. »Ich erschaue«, sagte er, »mit einem Mal alles... was soll ich schon sagen: alles, was sein kann und sein muß... das Unausweichliche erschaue ich, es gibt zahllose Wörter und Worte dafür, aber lassen wir die «, ich blickte nun ganz ohne Scheu auf und in diesem Augenblick blickte auch er mir — Auge in Auge — direkt ins Gesicht, »die spiegeln nur«, sagte er, »ein Geheimnis vor, wo keines ist.« Er nahm wieder einen Schluck aus seinem Glas. Auch ich nahm einen Schluck. »Das Mädchen ist schön«, sagte er, »es ist keine Aura um sie herum. Sie kommt auf mich zu. Sie scheint mich aber nicht wahrzunehmen. Sie hält noch einmal inne, wirft einen Blick auf das Meer nach links, dann einen Blick nach rechts auf die Berge, und sieht dann auf mich, in Richtung auf mich. Oder durch mich hindurch. Denn später sagt sie, sie habe mich bis zu dem Augenblick, als ich sie anspreche, gar nicht gesehn. Es ist müßig, ihren Blick, diesen Blick, den ich nie vergessen werde, zu beschreiben, den Blick, dessen Gegenwart mich noch heute durchdringt wie mich seine Abwesenheit durchdringt, als sie auf mich zutritt«, sagte Brandig, o zur Hölle mit Brandig: sagte Myslik natürlich, »obwohl der Blick es ist, der erst der ganzen Erscheinung diese seltsam strenge Verlassenheit gibt — wofür sie ihm dann zurückgibt den körperlichen Halt.« Ja, auch mir sei dieser bemerkenswerte Blick aufgefallen, wollte ich einwerfen, diese Augen, wasserblau, die blaßblau werden, wenn sie einen beim Sprechen anschauen, und türkis, blicken sie durch einen hindurch. Aber der, der da einen Schritt auf mich zutrat und pssst den Zeigefinger steil vor den Mund hob wie gegenüber einem vorlauten Kind, ließ mich erst gar nicht anfangen zu reden. Er bestellte vielmehr bei dem Alten zwei weitere côtes. Obwohl wir beide noch nicht ausgetrunken hatten; der Alte füllte die Gläser nur auf. »Man möchte angesichts eines solchen Blicks«, bekam ich stattdessen gesagt, » augenblicklich davonlaufen bis ans Ende der Welt — oder aber den, der so schaut, in den Arm nehmen und nie mehr loslassen im Leben. Natürlich«, sagte er, »tut man weder das eine noch das andere.« O doch, sprach ich schweigend in mich hinein, man tut sehr wohl das eine oder das andere; ich zum Beispiel bin davongelaufen fast bis ans Ende der Welt, wenn auch in der Erwartung, dort ihn, Myslik, oder — in diesem Falle wohl tatsächlich, ich will sagen: meinen subjektiven Tatsachen entsprechend — Brandig zu treffen. Aber der war natürlich nicht da. »Ich stehe auf von meinem Stuhl«, sagte er und hielt, als wollte er mir zuprosten, das Glas zwischen sein Gesicht und das meine, »ich trete hinaus aus dem Cafe und aus dem Schatten und trete der mir in der Sonne Entgegentretenden entgegen. Bevor wir uns gegenüberstehen, trete ich einen Schritt, wieder in den Schatten, zurück. Jetzt sieht sie mich an. Was für ein Ernst. Sie lächelt.« Auch er übrigens, Myslik, der das zu mir sagte, lächelte mit einem Mal. »Sie zeigt die Zähne«, sagte er, »und ich lade sie ein zu einem Kaffee. Mit einem mir etwas ungeübt scheinenden Englisch bittet sie um Tee. Wir betreten die Kühle des Raums«, sagte Brandig, Myslik, verflucht. Und kehrte mir den Rücken zu. Seine Jacke hatte im Rücken einen Schlitz, in den er mich, man stelle sich das vor, ganz unvermittelt und unverhohlen bat hineinzugreifen. Er öffnete mit der Rückhand den Schlitz. Ich solle ihn - bitte - kratzen. Es jucke ihn im Rückgrat, wahrscheinlich, sagte er, vom Duschen. Und ich konnte gar nicht anders... der Wirt beobachtete uns. Ich griff Brandig unter die Jacke und kratzte. Er wand seinen kräftigen festen Körper, ich solle, sagte er, immer an einer Stelle kratzen; er bewege schon seinen Rücken von selbst an die richtigen Stellen, die seinen. Und er ging ein wenig in die Knie, sein Rücken rotierte, während ich mit steifem Arm kratzte. Er gab Laute des Wohlgefallens von sich, ich übertreibe nicht, wenn ich feststelle: er grunzte - und drehte sich so unvermittelt, wie er sich vorher umgedreht hatte, nach einer Weile mir wieder zu. Mein ausgestreckter Arm blieb fast an ihm hängen — und wenn ich hier von diesem kleinen Freundschaftsdienst so viel Aufhebens mache, dann aus dem einfachen Grund: mein Kratzen war die erste körperliche Berührung mit Brandig, seitdem — mit Myslik, seitdem wir uns wiedergefunden hatten, jedenfalls war es die erste körperliche Berührung, die ich als solche in meiner Hand, an meinen Fingerspitzen, verspürte, wenn auch nicht unmittelbar auf der Haut, seiner, mein ich, es war immer noch ein Hemd dazwischen. Als wäre aber nichts geschehen, als hätte er nicht selbst den Fluß seiner Rede unterbrochen gehabt, fuhr er im gleichen, ihm eigenen vollen und gewissermaßen doppelten Tonfall fort. »Wir betreten also die Kühle des Raums. Zwischen uns der Rucksack, nehmen wir Platz. Sie spreche, sagt sie, am liebsten Französisch. Also sprechen wir Französisch, obwohl ich meine Mühe habe«, sagte er, Brandig/Myslik, Myslik/Brandig. »Und sie fragt mich, wann das nächste Boot geht. Was für ein Boot? Das Boot nach Westen. Zur Schlucht. Ich blicke aus dem Fenster, aufs Meer, dann auf meine Armbanduhr. Natürlich könnte ich sie das Boot verpassen lassen und die Schuld auf die Uhr schieben, die ja an einem Ort, an dem Zeit keine Rolle spielt, schon mal nachgehen darf. Aber ich sage: das Boot geht in zwanzig Minuten. Das letzte? Das letzte! Angesichts dieser Person bin ich außerstande, etwas zu meinem Vorteil zu tun... wenn sie ihn nicht von selbst als den ihren verfolgt. Ich bin wie gelähmt. Mein Vorteil darf nicht ihr Nachteil sein. Ich wundere mich über mich selbst. Ich bin nicht mehr Herr meines Willens und meiner Vernunft, sage unwillkürlich die Wahrheit. Und sie sagt: dann haben wir nicht mehr viel Zeit. Der Tee und der Kaffee werden serviert. Sie schaut mich nicht an, nippt an ihrem Glas. Ich kann meinen Blick nicht von ihrem Gesicht lassen; auch das geht über Vernunft und Wille, das Einprägenwollen von Gesichtszügen etwa oder das Umstimmen durch Anschauen, weit hinaus. Sie beginnt an den Fingernägeln zu kauen. Sie hat eine hohe Stirn und ein breites, von feinstem Flaum bedecktes Gesicht. Die Augen liegen ein wenig tief in ihren Höhlen. Sie zieht mit der Nase.« Du brauchst mir, Alter, nichts zu erzählen, ich kenne sie, auch wenn ich nichts sag. Nimm einen Schluck! So hob ich denn mein Glas und ließ ihn trinken. Selbst trank ich nicht. Ich kenne sie, Freund, habe mir mein eigenes Bild von ihr gemacht. Und wenn es auch nicht ganz den Gepflogenheiten der Freundschaft entsprochen haben mag, daß ich ihn, Myslik, Paul, berichten ließ über eine Person, von der er nicht wissen konnte, daß ich sie kenne, daß ich ihn also prüfend und in seiner Erinnerung überprüfend Gefahr laufen ließ, wie soll ich mich ausdrücken? aufzulaufen sozusagen, aufzulaufen auf die Klippen und Riffe einer schärferen und authentischeren, zumindest aber frischeren Erinnerung, über die ich verfügte — selbst eingedenk der Tatsache, daß die vielen vielen Jahre, die unsere Erinnerungen trennen, dem äußeren Erscheinungsbild zumal einer Frau (und nicht allein eines Brandig, der zu einem Myslik...) durchaus zuzusetzen vermögen —, dann bitte ich doch geflissentlich in Rechnung zu stellen, daß ich meinen Vorteil nicht nutzte. Ebensowenig wie er — seinerzeit — den seinen. Ihr gegenüber. Ja, ich ließ ihn ungehindert sein Schiff besteigen (stieg allerdings — anders als er es tun sollte — gleich mit zu!). Und behaupte, daß ich gerade durch meine so ungeteilte wie diskrete Aufmerksamkeit entscheidend dazu beitrug, daß er die gefährlichsten Riffe und Klippen ohne Schaden umschiffte. Gewissermaßen fungierte ich, indem ich mein Wissen nicht preisgab und also nicht störte, als Steuermann; als der beste Steuermann, den man sich denken kann. Dafür nehme ich sogar den Vorwurf einer vielleicht nicht gänzlich korrekten freundschaftlichen Hinterhältigkeit in Kauf. Die aber eben das Gegenteil von Taktlosigkeit ist. Und hätte es ihn, den Freund, im übrigen überhaupt interessiert, wie die Frau, von der die Rede war, auf mich wirkte? Die Frau, die ja fast noch ein Mädchen — er selbst gebrauchte das Wort! — gewesen sein mußte zu seiner Zeit? Das ist zu bezweifeln. Und entscheidender noch: hätte er sich mir überhaupt so unerhört offen und rückhaltlos anvertraut, wenn ich ihm gestanden hätte, daß ich den Gegenstand, das Objekt, wie soll ich sagen? mit Verlaub: diese Person, die Frau, kannte? Mitnichten. Er hätte mir womöglich gar nichts erzählt. Ich sagte also besser nichts. Denn mich interessierte schon, was er zu sagen hatte. Ich kann nicht leugnen, daß mich alles interessiert, was Brandig, was Myslik, was Max zu sagen hat. Heute wie früher. Zumal, wenn es um diese Frau geht, die ja — wie ich schon an anderer Stelle bemerkte - auf eine verhängnisvolle Weise, auf das erschreckenste und fatalste, zu ihm paßte. Oder hat Elisabeth es bemerkt? Ich weiß es nicht mehr. Zu meinem Bedauern. Ja, merkwürdig, wirklich. Ich erinnere mich nicht mehr. Ich hätte es aber durchaus bemerken können und bemerke es also jetzt, schreibe es nieder, da Brandig selbst mir ja zu bestätigen begann, daß so etwas zu bemerken seine volle Berechtigung hat. Kurz: Brandig, der als Myslik auftretende Brandig, fuhr ungehindert, von mir ungehindert fort. Und vertraute mir noch mancherlei an, was ich schon wußte. Wenn ich auch, wie ich erleben sollte, schließlich in einem nicht unwesentlichen — das äußere Erscheinungsbild der Frau allerdings weniger berührenden — Punkt doch noch korrigiert werden mußte. Wie er, Brandig, Myslik-Myslik-Myslik, im übrigen selbst. Damals, als er noch Brandig war. Aber dazu später. Vorerst wieder zu ihr und zu ihm. Zum Präludium, dem Vorspiel. »Sie trinkt ihren Tee«, sagte er, »springt plötzlich auf, verläßt das Cafe - ich sehe sie verschwinden — und kommt — ich sehe sie eintreten — nach kurzer Zeit wieder zurück. Sie stellt ein durchsichtiges Tütchen neben ihr Glas auf den Tisch. Das, sagt sie, ist der richtige Tee. Malotíri, sagt sie. Sie kennt sich aus. Ich mache Anstalten zu zahlen. Sie will mich nicht bezahlen lassen. Dann läßt sie mich bezahlen. Sie schaut auf ihre Armbanduhr. Wir vergleichen die Uhren. Und jetzt den Yoghurt, sagt sie. Ich greife nach ihrem Rucksack. Sie steckt das Teetütchen in eine Seitentasche und nimmt mir den Rucksack mit Entschiedenheit ab. Ich folge ihr nach draußen. Ich folge ihr in das Restaurant, in dem sie nach Yoghurt verlangt. Der nicht industrielle Yoghurt, sagt sie. Sie läßt sich fünf der breiten, pfannenartigen Plastikbecher, zerrissene Kartondeckel dazwischen, übereinander binden. Sie trägt einen Yoghurtturm vor sich her und ich trage nun hinter ihr her den Rucksack. Der hat einiges Gewicht. Das Bootshorn dröhnt. Entschieden schreitet sie aus. Ich gehe die Hafenpromenade bis zum Anleger hinter ihr her.« Brandig, Max, mein Gott, diese Namen, wenn man sich konzentrieren muß auf ihn und das, was er sagte und tat: er, Myslik also, machte eine Pause. Trank. Der Alte hinter der Theke schenkte nach. Ich legte meine Hand flach auf den Rand meines Glases. »Siehst du es vor dir?« fragte Myslik. »Die Sonne, das Meer, Geruch von Fisch, Algen und Teer, riechst du's? Das Weiß der Häuser und an den Tischen die Männer?« Ich sah es. Ich roch es. »Das Boot«, die ANASTASSIA, fügte ich hinzu und er sah mich mit einem Mal ganz entgeistert an, »das Boot«, sagte er, »hat seine Maschinen schon laufen. Sie steigt durch die Luke an Bord. Sie setzt den Yoghurtturm ab und nimmt ihren Rucksack entgegen. Der Kapitän winkt, der Matrose schaut und sie stemmt die Hände in den Rahmen der Luke. Sie hat nackte Arme, die vibrieren. Und sie sieht mich an«, sagte Myslik, »sieht mich zum ersten Mal eindringlich an. Und ich seh sie an. Wir sehen uns in die Augen. Wir hören gar nicht mehr wieder auf, uns in die Augen zu sehen. Unmerklich beginnt sie zu lächeln. Sie hat eine kleine Falte an einer Seite des Munds.« O ja, mein Freund, ich weiß, allzu gut weiß ich es: die Falte wider die Einfalt. »Der Matrose steigt von innen unter ihrem Arm hervor auf den Kai und macht die Leinen los. Mit einem solch gewichtigen Rucksack die Schlucht hoch? sage ich. Sie schüttelt den Kopf. Sie bleibe, sagt sie, am Fuße der Schlucht liegen. Wie schon vergangenes Jahr. Sie zieht mit der Nase. Gegen den Heuschnupfen, sagt sie. Aber da ist doch kein Mensch! Sie zuckt die Achseln. Und für wie lange? Sie zuckt abermals die Achseln. Einen Monat, zwei Monate, drei. Da komme sie, sage ich, sicher mal wieder vorbei. Zum Beispiel wegen Yoghurt. Gib mir eine Zigarette, sagt sie. Sie sagt ohne Du zu sagen das erste Mal Du. Ich gebe ihr eine Zigarette. Halte mein Feuerzeug hin. Der kleine Wind bläst die Flamme aus. Sie legt ihre Hände um meine Hand. Sie zieht den Rauch tief in die Lungen. Der Matrose springt, als spränge er auf sie drauf, haarscharf an ihr vorbei durch die Luke zurück aufs Boot. Er streift sie und hält sie. Oder sich. Mit seinem Sprung legt das Boot ganz langsam ab. Wenn du willst, sagt sie, kannst du mich ja mal besuchen, sagt sie. Wir sehen uns, uns voneinander entfernend, weiter unverwandt an.« Max Myslik hob sein Glas und trank. »Das Boot hat abgelegt«, sagte er, »macht eine Wende im Hafen und sie, die unbewegt in der Luke steht, kommt nicht auf die andere, nun mir zugewandte Seite des Schiffs, das vorbei fährt und weg fährt nach Westen.« Er nahm einen weiteren Schluck. »Nun ist das Boot mit einem Mal ein Schiff«, sagte er, »das ist auch schon alles. Damit ist alles entschieden. Ich wende mich um und — ja, so ist es, ich kann es nicht anders sagen: ich vergewissere mich. Ich seh, daß ich erschaue. Nichts von dem, was ich erblicke, ist mehr denkbar ohne die, die gerade meinen Blicken entschwunden ist. Und ist daher etwas anderes als zuvor. So ist das Erschauen von einem Augenblick zum anderen unwiderruflich zu meiner Existenz geworden. Unwiderruflich seit dem Augenblick, da sie meinen Blick erwidert hat. Was für eine Beglückung! Mein Leben ins Unbekannte, in neue Wahrnehmungszonen lenkende Beglückung! Nur ist diese Beglückung von einer solchen Heftigkeit, daß ich sie, allein, wie ich da zurückgeblieben bin auf dem Anleger, nicht so ohne weiteres ertrage. Ich schwanke. Wie in Trance, einem sanften — sicherlich eher torkeligen als tänzerischen — Taumel, der mich durch die Dinge hindurch trägt, bewege ich mich fort; reiße mit meiner Wahrnehmung alles an mich und mit. Die zu meinen Häupten kreisenden schwarzen Schwalben, die wie Raubvögel kreischen, die Kiesel, Kiesellöcher und Verschalungsstreifen im Beton des Anlegers, über den ich mich bewege, das Knirschen der aus den Fischerbooten gehängten Autoreifen an den Dalben der Kaimauer, die ausgebreiteten Netze und die großen stumpfen Nadeln in den Händen der Fischer, die Muränen, die sich in den Wellen des seichteren Wassers schlängeln und nach den von Kindern ins Wasser geworfenen Brotkrumen schnappen, um sie wieder fahrenzulassen, denn sie fressen kein Brot, die in den aufgebockten Ruderbooten liegenden Spielzeugpistolen, der steinerne Hang, der golden, ocker, gelblich, erden, rostig und schwarz gebrochene Widerschein der Felsen hoch über dem Dorf, das Rot des Bluts, das die Stufen des Dorfes färbt von den Schlachtungen der Hühner und Schafe seit dem letzten, Wochen zurückliegenden Regen, das Weiß der Häuser, die Schreie von Kindern, Frauen und einem einsamen Truthahn, der Geruch von gebratenem Fisch, von fritierten Kartoffeln, die riechen nach Fisch, von nach Fisch riechendem Haar, das Weiß der Häuser, das Schwarz der Röcke und Stiefel und der um die Köpfe der alten Männer gewundenen Tücher, das Weiß der Häuser, das Blau der Fensterläden, die Heime der Menschen, das Stöhnen, das Lachen, die Stätten des Lebens, das Weiß der Häuser, die unsichtbaren Frauen in ihnen und die Männer auf Stühlen davor und die Zehen in meinen Sandalen — auch ich trage Sandalen - wie Perlen, ja, Zehen wie Perlen, die vor mir herrollen und mir den Weg ebnen, meine dicken kurzen Zehen: der Weg hinauf zum Weiß des Hauses, in dem ich wohne. Erschauen und Entsetzen, da diese Beglückung unausweichlich und ohne Rückversicherung ist. Ein Sturz in die Höhe«, sagte er, »komm!« Und blickte wie beschämt über den eigenen Wortschwall zu Boden. »Komm, laß uns gehn«, sagte er. Er warf einen Geldschein auf die Theke, der Alte neigte sein kurzsichtiges Auge darauf, sagte sowas wie: stimmt so — und er, Myslik, mein ich, zog die Brauen auf seine von Falten zerrissene Stirn, machte mit den Händen die Bewegung dessen, der sich schon lange nicht mehr wehrt gegen einen kleinen Betrug, und zog mich am Arm auf die Straße. »Die Fischer an den Tischen«, sagte er draußen, »sagen: Du hast ihr den Rucksack getragen. Ich sage: ja. Und sie laden mich ein. Sie stopfen mir mit Gabeln und bloßen triefenden Fingern gebacke-ne Tintenfischkringel, schwarze und grüne Oliven, Tomatenscheiben und Lammrippchen in den Mund. Wir trinken, trinken Wein, Wein und Schnaps. So habe ich noch nie in meinem Leben getrunken. Und ich hatte durchaus in meinem Leben getrunken«, er hielt inne, sah mich an, verzog sein Gesicht, ohne daß ich erkennen konnte, ob er ein Lächeln zeigen wollte oder Abscheu vor seinem Lebenswandel in studentischen Tagen, »du weißt.« Er ging weiter und ich folgte halb hinter ihm. »Ich trinke mit den Männern bis in den Abend«, fuhr er fort, »und bis in die Nacht. Sternennacht und laue Lüfte von Süden. Das Licht der Wüste über dem afrikanischen Meer. Ich sitze oder liege im Mondschein auf dem Anleger, von wo sie abgefahren ist, und stürzte ich nicht ins Wasser des Hafens, so wüßte ich am folgenden Morgen nicht, daß ich einem Bären, dem hünenhaftesten und trinkfestesten Fischer am Ort, in der Nacht auf dem Anleger in den Armen gelegen habe. Jedenfalls tauchen wir Arm in Arm auf. Rechtsanwalt Brandig«, sagte Myslik, »mit einem Bären.« Er nahm meinen Arm; unvermittelt — vielleicht, weil ich ihm den Rücken gekratzt hatte, kannte er nunmehr keinerlei Befangenheit mehr: er nahm meinen Arm und hakte sich ein. Ja, wir beide, wie zwei alte Freunde. Und schon standen wir im nächsten Lokal. Brandig reichte dem Wirt, einem jüngeren knabenhaften Herrn in hauteng sitzender Schürze, mit drei Fingern flüchtig die Hand und hob aus derselben Bewegung heraus zwei der drei Finger hoch in die Luft. Wieder gab es Roten. Ich wurde gar nicht gefragt. »Ich werde dich«, sagte er, »geziemend behelligen. In weitere Einzelheiten werde ich kaum gehn. Es sei denn, sie sind vonnöten. Es war aber unumgänglich, den Anfang etwas deutlicher zu machen, du wirst es mir nicht verübeln, denn ich sehe, du verstehst.« Ich nickte. »Außerdem«, sagte er, »brauchst du dir gar nichts zu merken. Ich vergesse selbst ohnehin nichts — außer vielleicht...« er lächelte, »außer vielleicht die Essenz.« Er griff nach seinem Glas und stieß mehrmals gegen den Rand des meinen. Auch ich hob mein Glas, trank jedoch nichts, hielt lediglich den Rand des Glases lange genug an meine Lippen. »Die Welt«, sagte Brandig - ah, verflucht und versabbert, ich bins allmählich, nein, endgültig bin ich es leid, diesen Myslik/Brandig/Maxlik/Paulig, ich bleib jetzt bei Brandig, das wär doch gelacht, ich will und kann mich nicht an Myslik gewöhnen, was ja auch ein bißchen zu viel verlangt ist, denn er ist nicht meine Sache, Mysliks Sache ist Brandigs Sache, die seine allein, solange er jedenfalls der Auffassung ist, ein Name ändere wirklich etwas im Leben, was meine Auffassung nämlich nicht ist, aber bitte: soll er nur der Auffassung sein, meinetwegen, und soll er meinetwegen auch tatsächlich bei ihm etwas ändern: bei mir ändert der geänderte Name nichts, rein gar nichts, ich bleibe bei Brandig: punktum, schließlich ist das, was ich mich hier gezwungen sehe über ihn und seine ganze bedenken-, besinnungs- und verantwortungslose Ungeheuerlichkeit zu notieren, zuallerletzt für ihn bestimmt, wenn es überhaupt für jemanden bestimmt ist (außer für mich), dann bestimmt nicht für ihn, nein, ich bin es leid, dieses läppische Namensvexierspiel, diese elende Seinsmaskerade und diesen — wenn schon Hose runter, dann bis an die Knorpel, möchte ich einmal ganz für mich sagen —: diesen mir dreist und dekretierungsdämlich abverlangten Erinnerungsentzug: nein — Brandig bleibt Brandig für mich, mag er geworden sein und scheinen oder erscheinen wollen und meinetwegen sogar tatsächlich sein, was er will, und ist er auch tausendmal nicht der alte, ich lasse mir das Neue nicht wegnehmen von ihm, meine Welt, ja, er raubt mir ohne jeden Respekt und mit nicht einmal einem Anflug von Skrupel die mir erst durch und dank und mittels der Namen, der Wörter und Worte, Bezeichnungen, Begriffe geöffnete Welt, und die lasse ich mir, auch von einem Brandig —und wenn er noch so ein Myslik sein will — nicht mehr nehmen (das nur eben - als Parenthese - dazwischen, damit man mich, im Notfall, versteht!) — »die Welt«, also sagte Brandig, »ist von seltsam verändertem Aussehen, wenn man sie erschaut. Besonders, wenn man auch noch erwacht in klitschnaß durchweichten Kleidern.« Hier nun bestellte Brandig — als habe er gewissermaßen den Augenblick, da ich mich endgültig weigern würde, mich auf seinen neuen Namen einzulassen, auf das exakteste im voraus erahnt — einen einzelnen doppelten Schnaps. Einen Cognacschwenker mit, wie er sagte: Calva. Ernst und schweigend prostete er mir zu. »Ich reiße«, sagte er, »meinen Schlafsack an mich, verlieren wir nicht den Faden, mein Geld, Zigaretten, und stürze mit geschlossenen Augen gegen die Morgensonne die Stufen des Ortes hinab in den Hafen und erwische noch gerade das Schiff. Es ist das erste. Der Kapitän nickt mir zu und der Matrose wendet sich ab. Ja«, sagte er, »der Kapitän nickt mir zu und der Matrose wendet sich ab. Sie haben beide — jeder für sich — ihren Grund.« Jetzt legte mir Brandig seine Rechte auf die Schulter, in der Linken hielt er das Glas mit dem Schnaps. Sein halb volles Glas Wein hatte er stehen gelassen. »Denn der Kapitän hat Vorsorge getroffen. Er tritt auf mich zu«, sagte Brandig, »und fragt, wo ich hin will. Wo will ich schon hin? Zur Schlucht. Und da willst du, sagt der Kapitän, hoch. Das, sage ich, werden wir sehn. Du bist, sagt der Kapitän, noch nicht einmal von oben die Schlucht runtergekommen, wie willst du da hoch? Er kickt mir, wir stehen zwischen den Bankreihen im Innern des Schiffs, mit dem Knie gegen den Oberschenkel. Mal sehn, sage ich. Du willst zu dem Mädchen, sagt er. Welchem Mädchen? Dem Mädchen von gestern. Ich sage: Mal sehn. Da sagt er aber, wir verständigen uns in einem verständlichen Englisch: Nix mal sehn. Ich glaube«, sagte Brandig, »ich sage immer: Let's see und er antwortet: Nothing to see. Jedenfalls fügt er hinzu: Siehst du da meinen Mann am Ruder? Ja. Kennst du ihn? Ja, das heißt, nur vom Sehen. Das Mädchen, sagt der Kapitän, das du gestern ans Schiff gebracht hast, ist seines. Ah. Do you understand? His girl, she is. So, you understand, don't touch her. O.k.? Das also«, sagte Brandig, »ist der Stand der Dinge, als wir ankommen am Fuße der Schlucht. Ich denke«, er ließ nun die Hand von meiner Schulter fallen, »du hast sie auch mal gemacht: oder wenigstens einmal von oben – oder unten – besichtigt.« Ich war dermaßen in das zuvor Geschilderte versunken, daß ich gar nicht dazu kam, ihm zu antworten. Aber er fuhr ja ohnehin fort: »Von dort, wo der steil ins Wasser betonierte Steg zum Anlegen ist, zieht sich der steinige Strand weiter nach Westen. Bis an die Wand, den schroffen Fels, der abfällt ins Meer. Dort geht es nicht weiter. Nur dort kann sie liegen, denk ich, als ich, in die Mitte genommen von meinem Kapitän und seinem Matrosen, hinaufsteig zu der Erfrischungshütte, die zwischen den wenigen verfallenen Häusern, Ställen und zwei drei aufgegebenen zweistöckigen Rohbauten steht. Die Raststätte für die geprüft und erschöpft aus dem Berg purzelnden Touristen. Bevor sie das Schiff aufnimmt und mitnimmt nach Osten —«, Brandig zögerte, »an unseren unglückseligen Ort. Unter dem Schilfdach noch niemand. Oder vielmehr: drei reglose Gestalten. Je näher wir kommen, desto genauer erkenn ich einen alten schlohweißhaarigen Mann am Tisch, eine Alte mit schwarzem Kopftuch in der Tür und am Tisch mit dem Alten hinter riesiger dunkler Sonnenbrille, ja, ich erkenn sie zunächst allein an den Haaren, den hellen, sie. Reglos. Wie die Alten. Sie trägt ein Kleid. Der Kapitän, sein Matrose und ich setzen uns zu dem Alten und ihr an den Tisch. Sie verzieht keine Miene; nach dem, was ich seh hinter dem Dunkel des Glases. Sonst niemand? sagt sie auf französisch. Niemand, sage ich. Der Kapitän sieht mich mit aufmerksamem Auge an. Was hat sie gesagt? sagt er. Sonst niemand, sage ich, nobody else. Und du, sagt er. Nobody, niemand. Der Matrose setzt sich nun seinerseits eine Sonnenbrille auf. Der Kapitän bestellt bei der Alten in der Tür vier Kaffee. Der Kaffee kommt, wir schlürfen. Nur sie rührt den ihren nicht an. In unglaublicher Langsamkeit, als habe sie stunden-, nein: tage-, jahre- ein Leben lang in derselben Haltung verharrt, sich streckend und dehnend, die Hände verdrehend wie eine«, sagte Brandig wörtlich, »aus vorkörperlichem Schlaf erwachende balinesische Tempeltänzerin, erhebt sie sich von ihrem Stuhl. Und sagt in eigenartig gereizt gelangweiltem Tonfall: Dann können wir ja gehn. Ihr Kleid ist knöchellang. Auch ich erhebe mich, der Kapitän greift nach meinem Handgelenk und sagt: And don't forget... our agreement... I never forget, you know... Ich entziehe ihm ohne Hast meinen Arm.« Pause, Brandig machte eine Pause. » Komm «, sagte er — zu mir — und trank in einem Zug seinen Schnaps. Er warf zwei Münzen auf die Zinnplatte der Theke, ließ unsere beiden halbvollen Weingläser stehn und zog mich schon wieder hinaus. »Wir müssen weiter«, sagte er, »man muß in Bewegung bleiben, sonst säuft man sich fest.« Und er fuhr auch schon fort. Inmitten des inzwischen ohrenbetäubenden Nachmittagsverkehrs, der an uns vorbeibrandete, brüllte er mich von der Seite an. Gelegentlich blieb er stehen. Als überlegte er: wohin. »Das Erschauen«, brüllte er, »das Erschauen, von dem ich spreche, verstehst du?« Er nahm meine Hand und führte mich wie einen Blinden zwischen den mit kreischenden Reifen um uns herumkurvenden und in unseren Kniekehlen zum Stehen kommenden Fahrzeugen sicher über die Straße. »Das Erschauen«, brüllte er, »nimmt seinen Lauf.« Wir gingen auf das hüfthohe Türchen einer inmitten des Häusermeers eingebetteten kleinen Grünanlageninsel zu. Ein Square. Brandig öffnete das Türchen, indem er sich umständlich mit dem Hinterteil dagegen drückte, um mir den Vortritt zu lassen. Sträucher, Platanen, junge Kastanien in dem Karree. Auf den Bänken junge Mütter, in einiger Entfernung davon junge dunkelhäutige Männer, die — ins Gras gefläzt — die Mütter im Auge hatten, und im Sand die grabenden, schaufelnden und den ungebrochenen Verkehrslärm mit schrillen Schreien übertönenden Kinder. Wir gingen auf einen offenen Pavillon zu. Schlanke himmelwärts strebende gußeiserne Pfeiler und ein — wenn auch aus Kanten ein Rund formendes — fast asiatisch anmutendes Dach. Ans zierliche Geländer preßte sich von innen ein jugendliches Paar. Wir setzten uns auf eine Bank, zugegeben: die einzige freie — mit dem Blick auf das Paar. »Sie geht«, sagte Brandig, er sprach wieder leiser und ich verstand ihn kaum, so daß ich näher rückte, »sie geht vor mir her. Ihr Kleid, das knöchellange, das sich fest um ihre Hüften spannt, hat ein waagerechtes Wellenmuster. Blaue, rote und violette Streifen. Die Streifen nehmen die Schwingungen des Körpers auf— und heben auf die senkrechte Behutsamkeit der Schritte im Kies. So ist die Gangart sowohl voller Vorsicht und Verhaltenheit als auch«, Brandig hielt inne, »ein einziges unbekümmert unverhohlenes Versprechen. Ich kann«, sagte er, »meinen Blick nicht von diesem Widerspruch nehmen. Auf halbem Weg aber zieht sie sich das Kleid über den Kopf. Ich drehe mich um. Ich schätze die Entfernung zu der Erfrischungshütte ab. Ich sehe, daß das Schiff, das mich gebracht hat, gerade wieder ablegt. Sie hat nichts an unter dem Kleid. Ist vollkommen nackt. Nur die Sandalen. Als wäre sie durch die Nacktheit besser gegen die Blicke geschützt. Sie geht weiter vor mir her. Hat sich nicht umgedreht. Ich drehe mich noch einmal um. Ob uns das Schiff folgt. Am Ufer entlang. Sie muß wissen, daß ich meinen Blick auch von ihrem nackten Körper nicht lassen kann. Dabei ist sie«, Brandig unterbrach, »übrigens: das Schiff folgt uns nicht - sie ist - du kennst Elisabeth«, unverhofft suchte Brandig nach Worten, »du kanntest mich damals«, er druckste herum, fast stotterte er, »nein, dieser hier ist — geradezu stämmig, gedrungen — hab ich es nicht schon gesagt? natürlich zwinge ich mich doch, von ihrem Körper abzusehen, über sie hinwegzugehen — ihr über die Schulter zu blicken - etwa auf die sanfte Dünung des Meers, die sich am Fuße der Felswand bricht - Gischt, auf die sie zusteuert - sie - ich - sie ist von ziemlich kompakter - wollte ich sagen, und du wirst noch rechtzeitig erfahren, warum ich sage: Bergbauernmädchenstatur.« Er blickte vor sich ins Leere. Zu Boden. Führte mit der Spitze seines Schuhs einen Bogen aus in dem schotterigen festgetretenen Sand der Anlage. Und vertiefte sich buchstäblich in die Leere, um die er einen Bogen geschlagen hatte. Bis er aufblickte. Das gegen das Pavillongeländer gepreßte jugendliche Paar hatte die Position gewechselt, jetzt drückte sie ihn — und nicht er sie — gegen die eisernen Streben. Brandig aber fuhr fort: »Sie liegt tatsächlich am Ende des unwegsamen Geländes. Sie hat sich ein Lager geschaffen. Eine Mulde zwischen Fels und Gestein. Sie läßt sich auf der Decke nieder, die ihr geöffneter Schlafsack ist. Sie legt sich auf den Rücken, verschränkt die Arme unter dem Nacken. Sie schließt die Augen, aber nicht ganz«, sagte er, »denn sie kann, was ich noch nicht weiß, ihre Augen nie ganz schließen... nicht mal im Schlaf... sie schließt also nicht ganz die Augen, zwischen den Wimpern zwei blindweiße Streifen, und sagt: Ich wußte, daß du mit dem ersten Boot kommst. Und da«, sagte Brandig, »ich weiß nicht - das Augenweiß, die Sauferei am Abend zuvor, die tiefe Ohnmacht der Nacht, da bricht es über mich herein. Kaum liegt sie dort ausgestreckt auf dem Rücken zu meinen Füßen, bricht es über mich herein. Die Atemnot, die Trockenheit in der Kehle, die Panik. Der Anfall ist da. Wie ich ihn noch nie gehabt habe. Er kommt ganz eindeutig vom Kopf. Von der Steuerungszentrale. Ich bin kein Mediziner. Das Zentralnervensystem in hellstem Aufruhr. Gegen den Kreislauf gewissermaßen. Der schon zusammenbrechen will. Damit der aber nicht zusammenbricht, muß ich selbst im Kreise gehen. Gegen die in meinem Kopf und in meinem Brustkorb rasende Fluchtbewegung des Kreislaufes, der zusammenbrechen will, an. Ein Schwindel sondergleichen erfaßt mich. Ich ersticke. Ich drohe das Bewußtsein zu verlieren. Und laufe vor den Augen des Mädchens im Kreise wie ein eingesperrtes Tier. Sie öffnet, denke ich, wieder die Augen. Und sieht mich an wie ein Kind, dem grausame Eltern vor der hinter den Stäben kreisenden Bestie zuflüsterten, daß diese in Freiheit über Menschen herfalle und morde. Ich laufe im Kreise im Kies. Laufe vor und zurück. Mir wird schwarz vor den Augen. Dann rot. Dann blau. Schließlich weiß. Ich erkenne die Frau zu meinen Füßen, die sich jetzt auf ihre Ellenbogen stützt und mich ansieht. Sie betrachtet mich. Ich kann nicht stehenbleiben, sage ich kreisend. Und mir schießt das Blut aus allen Extremitäten zum Herzen, zum Kopf. Sie sieht mich. Die Beine wollen versagen. Verschwinden, verschwinden aus der Welt... allein sein, nur ein wenig allein sein in der Welt, damit mich niemand sieht in meiner Hilflosigkeit und meinem Jammer. Ich falle, stürze, nein, ich gehe weiter im Kreis und höre das Mädchen, die Frau, vor deren nacktem Körper ich kreise, etwas sagen, ich weiß nicht, sagt sie: paß auf, daß du den Wassersack nicht umschmeißt! oder sagt sie: Wassersack heißt vache à eau und paß doch auf heißt fais gaffe! Gibt sie Lektionen? während ich gegen Ohnmacht und Bewußtlosigkeit ankämpfe? Ich verliere den Boden unter den Füßen. In den Kniekehlen kein Gefühl mehr beim Gehen, ich stakse. Im Kopf ein Überdruck. Das Herz rast. Im Rachen Dörre. Lähmung, Übelkeit und rasende Unruhe zugleich. Mein Kopf droht zu zerspringen. Alle Körperteile sind erfaßt. Ist das das Ende? Soll hier schon Schluß sein? Ich will nach dem Wassersack greifen, kann aber nicht. Muß weiter im Kreis gehn. Ich kann nicht trinken. Ich bin, sage ich, krank. Ich habe einen Erstickungsanfall. Ich brauche, sage ich, einen Arzt. Woher, antwortet sie, einen Arzt nehmen hier? Vielleicht — ja, sprechen geht, sprechen ist wie im Kreis laufen«, sagte Brandig, »das hilft — vielleicht kommt gegen Mittag mit der ersten größeren Gruppe auch ein Arzt aus der Schlucht, diese Schlucht machen vor allem Leute aus den besseren mittleren Kreisen, was für bessere mittlere Kreise? sagt sie, und ich gebe sowas zur Antwort wie: die gymnastischen, die akademischen, die naturverbundenen Kreise, aber ich weiß nicht — oder haben die Alten dort in der Hütte, wo ich dich traf, vielleicht Telephon, sie müssen eins haben, schon wegen all der von Hitzschlag und Sehnenläsionen Bedrohten, es muß eine Möglichkeit geben, denn wenn das so weitergeht, wenn das nicht aufhört, sag ich, wenn ich nicht stehenbleiben kann, wenn ich nicht zur Ruhe komme, wenn sich die Lähmung, die mich daran hindert stehenzubleiben, nicht löst, dann weiß ich nicht weiter, dann muß ich dich bitten, sage ich«, sagte Brandig, »zu der zu meinen Füßen liegenden Frau, hinüberzugehen und zu telephonieren. Hilfe zu holen. Vielleicht einen Hubschrauber zu bestellen. Bei der Nato-Basis im Norden. Oh, sagt sie, du bist Soldat. Nein, sage ich, das nicht gerade. Ich bin vielmehr am Ende. Einen Rettungshubschrauber brauch ich, koste er, was er wolle, worauf sie sagt: Ich hab keinen sou, jedenfalls nicht zum Fliegen. Bevor ich hier, sage ich, elendiglich krepiere, lasse ich mich lieber wegfliegen. Sie könne ja, wenn es ihr nichts ausmache, mitkommen, sag ich. Und es steht mir kalter Schweiß auf der Stirn«, sagte Brandig, »sie aber, die Nackte zu meinen Füßen, erhebt sich und sagt: Erstens sind die Berge zu hoch, da kommt kein Hubschrauber rüber, und zweitens wolle sie, bevor wir losflögen, erst einmal baden. Ob ich nicht mitkäme ins Wasser. Mir sei doch sicher auch heiß. Oh quelle chaleur! Ich bedanke mich«, sagte Brandig, »und sage, daß es schon ginge, es ginge auch so, sie solle sich nicht um mich kümmern, sie tritt auf mich zu, ich käme schon klar, sie gibt mir einen Kuß, einen Kuß auf die Wange, so daß ich einen Augenblick innehalte im Kreisen, irgendwann werde es mir schon bessergehen, ich fahre zu kreisen fort, sie solle nicht beunruhigt sein — ich bin nicht beunruhigt, sagt sie —: sie solle nur, sage ich, allein baden gehn. So zuckt sie die Achseln, macht kehrt und geht an dem Wassersack vorbei hinunter ans Ufer, die zehn oder zwanzig Schritte zum Meer. Sie läßt mich allein. Es wird schon wieder werden. Ich kreise. Es wird schon vorbeigehn. Ich schleppe mich kreisend dahin. Mit mir allein. Und wenn es nicht vorbeigeht, dann ist es besser, es geht allein nicht vorbei. Geht es aber vorbei«, sagte Brandig, »indem ich umfall und das Bewußtsein verlier, dann ist es ebenfalls besser allein. Aber wie? Erst staksen, jetzt schleppen? Ja, kreisend. Mit bei jeder Runde zweimal zu wendendem Kopf blicke ich aufs Meer. Die Nackte steigt ins Wasser. Ich sehe ihren Rücken, das helle Haar legt sich auf die nur leicht bewegte Fläche, und sie zieht es, sachte eintauchend, als dunkelnde Spur hinter sich her. Immer schwerer aber mein Schritt. Ich spüre den Kies unter den Sohlen. Ich sehe aufs Meer, auf das sie hinausschwimmt. Je kleiner ihr Kopf wird, sie schwimmt schnurstracks geradeaus, desto schwerer und schleppender wird mein Schritt. Der Schwindel läßt nach. Der Druck im Kopf löst sich. Die Beine werden sicherer. Das Herz schlägt ruhig. Noch atme ich schwer, aber die Luftröhre weitet sich, ich hebe die Arme, bleibe stehen, blicke hinaus auf die von der im Zenit stehenden Sonne beglänzte Fläche des Meeres — und da ist sie, die Hinausgeschwommene, verschwunden. In großer Erschöpfung greife ich nach meinem Schlafsack und lege mich in den Schatten. Unter einen überhängenden Felsen. Das«, sagte Brandig, »denke ich, wäre erst einmal überstanden. Ein Totalangriff auf den Gesamtorganismus, wie er bislang noch nicht abzuschlagen war. Jetzt zieh auch ich mich aus bis auf die Haut.« Und er stand auch von der Bank, auf der wir nebeneinander saßen, auf. Er blickte mich an. »Es ist unglaublich«, sagte er, »ich weiß, auch sie wird glauben, ich habe ihr was vorgespielt.« Er wendete sich ab. »Mein Gott«, hörte ich ihn sagen, »was habe ich für einen Durst.« Auch ich erhob mich sogleich. Ich warf noch einen Blick auf das gegen das Pavillongeländer gedrückte Paar — jetzt preßte er wieder sie gegen die Streben — und wir verließen, durch ein anderes Türchen tretend, den Square. Wieder ließ mir Brandig den Vortritt. Um mich aber — wortwörtlich — umgehend zu überholen und, nachdem ich ihm über die weniger verkehrsreiche Straße gefolgt bin, gleichsam mit mir im Schlepptau das allernächste Lokal zu betreten. Wasser, rief ich hinter ihm her, nicht ohne Grund in der Annahme, daß sein Durst keiner war auf Wasser. Und so war es denn auch: er wieder Wein und ich, er machte eine kleine Verbeugung vor mir, Wasser. »Trotz eines höllischen Durstes«, fuhr er auch schon fort, »rühre ich in ihrer Abwesenheit ihren Wassersack nicht an. Ich warte. Sie hat mir kein Wasser angeboten. Zwar habe ich nicht gesagt, daß mich dürstet, aber ich habe gesagt, daß ich krank sei. Ich warte eine Stunde. Sie ist nicht mit einem einzigen Wort auf meine plötzliche Erkrankung eingegangen. Ich warte zwei Stunden. Wieder überkommt mich eine Unruhe. Der Anfall, die Erkrankung, droht wiederzukehren. Sie ist, das spüre ich deutlich, auch ohne die Schreckenssymptome in mir. Sie lauert. Das Mädchen aber ist schnurstracks aufs Meer hinausgeschwommen und dort verschwunden. Als sei sie versunken. Und taucht nirgendwo auf. Bis sie schließlich nach einer schon gar nicht mehr möglich erscheinenden Zeit — inzwischen frage ich mich, wie sie nun zu retten sei: doch wohl kaum von meinem Kapitän und seinem Matrosen — einen Steinwurf von mir entfernt, um den steil ins Meer fallenden Fels herum auf mich zugeschwommen kommt. Ich erhebe mich und ziehe meinen Schlafsack in die Sonne. Neben den ihren. Ich setze mich. Was für eine Gestalt, die da auf mich zukommt! Der Körper glitzert. Sie streicht sich mit beiden Händen die Haare über den Kopf. Ihre Schritte im Kies hören sich an wie eine heimliche Verschnellerung der sanft gegen das Ufer schlagenden Wellen. Sie läßt sich neben mir nieder. Na? sagt sie, sinngemäß«, sagte Brandig, »alles in Ordnung? Alles in Ordnung. Sie streckt sich wieder auf den Rücken aus. Und ich betrachte sie. Sie hat wieder die Augen — sozusagen — geschlossen. Ich rücke näher an sie heran. Von meinem Schlafsack auf den ihren. Sie atmet ruhig. Als habe sie eben nur mal ihren Körper unter eine Dusche gehalten. Die Tropfen auf ihrer Haut bewegen sich mit dem Atem, vereinigen sich, perlen an abschüssiger Fläche hinab. Gekräuselt die dunklen Brustwarzenhöfe. Monde im Sonnenlicht. Ich betrachte sie lange und lege am Ende die Fingerspitzen, zwei Fingerkuppen meiner Rechten, auf ihre Stirn. Bewege sie nicht. Auch sie bewegt sich nicht. Ich spüre das Naß, bis ich es nicht mehr spüre. Ich verharre. Dann führe ich die beiden Finger von der Stirn über die gerade kräftige Nase über den Mund, den vollen, die Oberlippe tritt ein wenig stärker hervor als die Unterlippe, über das Kinn und den Hals und zwischen den Brüsten hindurch über den Bauch und den Nabel und die Wölbung unter dem Nabel auf das dichte Gestrüpp, in dem die schillernden und blinkenden Tropfen des Meeres hängen wie Schmuck. Meine Hand ruht eine Weile auf dem Hügel. Dann nehme ich sie weg. Es geht ein Zittern durch ihren Körper. Wie heißt du? vernehme ich sie. Paul. Ich, sagt sie, heiße Eliada oder Carla oder, wenn du willst, Jeanne. Also Jeanne.« Brandig hielt inne, blickte sich in dem Lokal um und grüßte hinüber zu einigen Männern, die um den Billardtisch herum standen. Einer von ihnen fingierte mit dem Queue, mal vor dem Leib, mal rücklings hinter dem Rücken, verschiedene mögliche Stoßrichtungen. Schließlich gab er einem anderen den Stock. »Das Erschauen«, sagte Brandig, »ist etwas, das einem schwer zusetzen kann.« Er hatte schon wieder sein zweites Glas in der Hand. »Denn das Erschauen, du hast es ganz richtig verstanden«, plötzlich zog er mich mit der freien Hand am Revers meiner leichten Sommerjacke an sich heran, »ist ja nicht das bloße Sehen. Es ist das jeden Saum (Saum, sagte er) und jede Sorge zusammenführende Bewußtsein. Eine Art Urzeitgedächtnis. Der Stoff, mit dem das Innere das Äußere bedeckt, damit...« er löste die Hand von meiner Jacke, »darunter das Äußere das Innere entdeckt. Zumindest die im Innern schlummernden Kräfte. Die natürlich nicht zu verwechseln sind mit den sowieso hellwachen Sinnen. Denn das bloße Sehen ist ganz selbstverständlich im Erschauen mit dem Hören und Fühlen, dem Schmecken und Riechen vereint. Mehr noch: was gesehen, gehört und gefühlt, geschmeckt und gerochen wird, wird auch unmittelbar erkannt, erfaßt und begriffen. Wird zu einem Begriff. Ist der Begriff.« Brandig starrte auf das Glas mit dem Rotwein, das er zwischen Zeigefinger und Daumen vor sich kreisen ließ, bis es überschwappte. Ein paar Spritzer besprengten Handgelenk und Ärmelansatz. »Jeanne«, murmelte er. Und nach einer Weile — er setzte das Glas auf der Theke ab und beleckte sich das Gelenk — fuhr er wieder laut und vernehmlich fort: »Ja, das Erschauen ist die vollkommene Aufnahme der Welt in dein Sein und die vollkommene Aufnahme deines Seins in die Welt. Vermittels einer einzigen Person. Die Welt steht dir offen und du bist offen der Welt. Was aber den Geschmack und den Geruch anbelangt«, er wandte den Kopf und bestellte bei der Frau, die hinter der Theke bediente, einen weiteren Wein und ein Wasser, »so bekommen die noch eine ganz eigenartige«, Brandig wiederholte und trennte: »eigen-artige Bedeutung, denn sie sind die Verankerung des Erschauten im...« er zögerte, »allgegenwärtigen Tod.« Sagte es und ging geradezu hastig über das von ihm selbst Gesagte hinweg; als wolle er es - ausgesprochen — schon nicht mehr wahrhaben. »Du siehst«, trieb es ihn voran, »es ist unerläßlich, darüber zu berichten. Wenn man überhaupt etwas sagen will. Denn es birgt natürlich nicht geringe Gefahren.« Als müsse er sich jetzt aber kräftigen, nahm er aus meinem Mineralwasserglas einen kräftigen Schluck. »Ich sehe mich um«, sagte er und wischte sich mit dem Handrücken über den Mund, »ich sehe die Felsen in meinem Rük-ken, die Kieselsteine, die Öde. Ich sehe die Weite des Meers, weit hinten im Osten das Schilfdach. Es scheint eine Gruppe von Touristen angekommen zu sein. Ich sehe Bewegung. Es könnten aber auch Maulesel sein, große Hunde. Das Schiff ist noch nicht wieder da. Jeanne schläft neben mir. Ich beuge mich zu ihr hinunter und sehe die weißen Streifen zwischen den Wimpern. Sie muß die Augäpfel nach oben, Pupillen und Iris unter die Lider drehen, um nichts zu sehen im Schlaf. Sie seufzt. Sie erwacht erst, als die Sonne hinter dem Felshang zu unserer Rechten verschwunden ist. Das erste, was sie sagt, als sie die Augen ganz aufmacht - sie sieht mich aber nicht an, nein, sie sieht über das Meer —: das erste, was sie sagt, ist: Noch nie ist mir ein Weißer mit derart dunklen Augen begegnet wie du. Ich begreife sie nicht. Sicher, ich hab ziemlich dunkle Augen. Als du mich gestern ansahst am Schiff, sagt sie, hab ich gedacht: gut, dann nehm ich ihn eben als Schwarzen. Von Weißen, sagt sie, habe sie sowieso fürs erste wieder mal genug. Eigentlich wolle sie überhaupt keinen mehr. Aber wie's eben so komme. Was für Weiße? frage ich «, sagte Brandig, »und sie sagt, daß sie, bevor ich mich ihr in den Weg gestellt habe — ich mich ihr in den Weg! —, am selben Tag schon zwei anderen begegnet sei. Wie begegnet? frage ich. Eh bê, j'ai baisé avec, sagt sie. Der eine gehörte zur Besatzung der Fähre von Athen und lud sie für die Nacht ein in seine Kabine und der andere war am Morgen nach Ankunft der Fähre im Norden der Insel derjenige von den Störenfrieden, die sie nicht schlafen ließen in dem Pinienwäldchen in der Nähe des Hafens, der ihr am besten gefiel, mit dem habe sie dann den Vormittag im leeren dunklen Kino seines Vaters verbracht. Ich könne mir sicher vorstellen, wie müde und erschöpft sie gewesen sei, als ich mich ihr, nachdem sie auch noch mit dem Bus über die Berge gemußt habe, in den Weg stellte. Den Matrosen aber, sagt sie, ich wisse schon, der von dem Schiff, das mich gebracht hat, habe sie sich in der darauf folgenden Nacht erspart, obwohl der vielleicht der interessanteste gewesen wäre von den dreien. Aber den habe sie sich erstens erspart, weil sie ihm, sagt sie, offenbar von seinem Kapitän zugeteilt worden sei — kannst du dir das vorstellen? fragt sie mich noch, worauf ich aber nicht antworte — und zweitens, fährt sie fort, weil sie gewußt habe, daß ich komme. Ja, sagt sie, und jetzt sei ich da«, sagte Brandig, »ich mit meinen dunklen Augen... die so dunkel sein sollen wie die eines Schwarzen. Sie nimmt mich bei der Hand. Ich bin geschwächt, auch ich bin müde und erschöpft nach meinem Anfall, dieser so plötzlich aufgetretenen und so ausdauernd an den schwindelerregenden Graten eines Kollapses sich haltenden Krankheit, die immer noch in mir ist und jeden Augenblick wieder ausbrechen kann. Jeanne lächelt. Sie läßt meine Hand los, greift nach dem Wassersack und kippt aus einer Öffnung an der oberen Naht einen Plastikbecher voll, den sie mir hinhält. Ich trinke. Sie greift nach etwas in ihrem offen stehenden Rucksack, greift nach ihrem Schlafsack, den sie sich an den Körper drückt, und sagt: Nimm du deinen. Sie zieht mich nach unten ans Ufer, wo noch die Sonne hinfällt. Dort schürft sie mit bloßen Händen eine neue Mulde im feineren Kies. Sie breitet beide Schlafsäcke übereinander. Leg dich hin, sagt sie. Ich lege mich hin. Auf den Rücken! Sie hat ein weißes Fläschchen in der Hand. Ich müsse jetzt entspannen, sagt sie. Sie schraubt den Verschluß des Fläschchens auf, kniet nieder zu meinen Füßen und träufelt mir eine dicklich weiße Flüssigkeit auf den Spann. Ich bräuchte, sagt sie, während sie mir die Flüssigkeit zwischen den Zehen zu verteilen beginnt, keine Angst zu haben, das sei keine gefährliche Milch, sie habe sie selbst gemacht, selbst zubereitet, sagt sie, es handele sich um keine geruchs- oder/und geschmacksübertönende, sondern vielmehr um eine eigengeruchs- und eigengeschmacksintensivierende Milch, ja, keine Chemie, es handele sich auch nicht etwa um eine Sonnenmilch, nein, es handele sich um eine Mondmilch, denn sie sei vor allem für die Nacht gemacht, o ich habe vergessen, wann wir den nächsten Vollmond haben, weißt du es? fragt sie — und streicht die Mondmilch mit wendigen Fingern um meine Zehen, reibt Zeh für Zeh einzeln ein, fährt sachte in die Spalte zwischen den Zehen, massiert, sie biegt auch die Zehen mal hier hin, mal dort hin. Erst behandelt sie einen Fuß, dann den anderen. Sie fährt die Schienbeine hoch. Du bist schon schön braun. Tröpfelt ein wenig auf die Kniescheiben, drückt den weißen Klecks mit flacher Hand auseinander, fährt mit der Hand herum um das Knie und behutsam die Schenkel hinauf. Wie zufällig berührt sie flüchtig die Hoden. Dann greift sie nach einer meiner neben mir liegenden Hände. Wieder fließt ein wenig von der feuchten kühlen Masse, die fast eine Creme ist, auf meine Haut. In den Handteller genau. Mit besonders feinem, fast drucklosem Streichen verteilt sie sie hin zur empfindlichen Gegend des Pulses. Ich sehe nicht hin. Ich blicke in das tiefe Blau des Himmels. Sie läßt den Puls und beginnt Finger für Finger und Zwischenraum für Zwischenraum für Zwischenraum zwischen den Fingern zu massieren wie vorher die Zehen. Bis sie über die gekneteten Handballen zurückfindet zum Puls. Dort verharrt sie. Sie hebt und senkt die Hände, ihre, einen Finger, eine Kuppe des Fingers, so daß sich mein Puls anfühlt, als käme schon eine erste linde Abendbrise vom Meer. Oder ist es wirklich eine Brise? Mit verstärktem handfestem Druck bewegen sich ihre Hände meinen Arm hoch, die Innenseite entlang hinauf zur Achselhöhle, immer, sagt sie, von den Extremitäten zum Herzen, darauf komme es an, immer von außen nach innen. Sie tröpfelt mir Milch in die Vertiefung zwischen Brustbein und Hals, streicht sie über die Schlüsselbeinknochen zu den Schultern und nieder zur Brust. Sei froh, sagt sie, daß du nicht so behaart bist wie ich. Ich hebe den Kopf. Sie drückt ihn — Hand auf meiner Stirn — wieder zurück. Und streicht dann übers Herz weg und am Herzen vorbei abwärts zu meinem durchaus nicht unbehaarten Bauch. Träufelt noch ein paar Tropfen in die Tiefe des Nabels und führt immer weiter gegen die Herzensrichtung die Hände weiter«, Pause, »sie nimmt mein Geschlecht«, sagte Brandig, er schien noch einen Augenblick zu überlegen und leerte schon wieder ein Glas, »sie nimmt meinen Schwanz«, sagte er, »in die Hand. Sie zieht die Vorhaut über die Eichel, reibt, tupft, streicht, läßt nicht das mindeste aus und geht noch weiter nach unten. Du hast sehr große Hoden, sagt sie. Und: Ach, mein Gott, jetzt habe ich den anderen Arm ganz vergessen. Sofort greift sie nach dem anderen Arm und beschäftigt sich mit ihm wie mit dem ersten. Dann sagt sie: Umdrehn! Ich drehe mich um auf den Bauch. Sie beginnt wieder bei den Füßen. Kneten und Drehen von Zehen, Ballen und Fersen. Die Gelenke, Waden, Kniekehlen, Schenkel hoch bis zum Gesäß. Natürlich erst das eine Bein und dann das andere. Als nächstes wieder die Hände, die Handrücken jetzt, die Ellenbogen, die Arme bis hoch zu den Schultern, eins nach dem anderen. Sie massiert sich fest in meinem Nacken. Es tut nur gut, sagt sie, wenn es schmerzt. Dann hilft es, sagt sie und fährt mit den Händen die Wirbelsäule hinab, läßt das Herz wieder links liegen und landet auf meinen Lenden. Sie führt ihre Hand in den Spalt, über den Anus weg zur Wurzel des Schwanzes«, sagte Brandig und bestellte, nun auch wieder für mich, zwei weitere côtes. Die Frau, die bediente, wandte sich nach der Flasche um und knickte plötzlich um mit dem Fuß. Die Flasche taumelte. Die Frau taumelte. Keine junge Frau, keine alte. Als sie sich gefangen hatte, bemerkte ich, daß einer ihrer Füße zwischen chromblitzenden metallenen Schienen im Schuh steckte. War sie damit umgeknickt? Ich fühlte mich mit einem Mal beobachtet. Brandig ließ mich die Behinderung der Frau regelrecht anschauen ... fast hätte ich erschauen gesagt, aber—na ja —ich ja wohl nicht. » Sie sagt«, fuhr Brandig, nachdem ich sozusagen ostentativ der Theke den Rücken gekehrt hatte, fort, »sie sagt zu mir«, sagte er, »du hast einen schönen Arsch. Sie streicht noch einige Male über ihn hinweg. Dann sagt sie, ich solle mich noch mal umdrehn. Ich drehe mich noch einmal um. Sie nimmt einen meiner Füße und sagt: Du hast Zehennägel wie Perlen. Seltsam, denke ich, gestern, als ich schwankte, wankte und taumelte, sie war gerade mit dem Schiff abgefahren: rollende, vor mir her rollende Perlen! Das, sage ich, hat mir noch niemand gesagt: Zehen wie Perlen. Nicht Zehen, sagt sie, Nägel. Sie biegt meinen Fuß nach außen, spreizt meine Beine«, sagte er, er hob sein Glas, »und legt sich der Länge nach auf mich drauf. Ich schließe«, sagte er, »die Augen.« Und nahm einen Schluck. Auch ich nahm einen Schluck. »Ich liege starr und steif«, sagte er, »halte den Atem an. Sie küßt mich. Sie küßt. Sie kost nicht, nein, sie kostet eher. Von meinem Gesicht, das nicht eingecremt ist. Ich öffne die Augen. Ich öffne den Mund. Sie küßt mich, schließt nicht die Augen, schaut ernst und... sie schaut fast entsetzt und drückt ihren Unterleib fest gegen den meinen. Sie untersucht mich, zupft am Ohrläppchen, drückt einen Finger auf meine Nase, lächelt auch und schnuppert hinter meinem Ohr. Sie lacht lautlos. Sie erhebt sich. Fährt mit den Lippen von meinem Mund über den ganzen Körper nach unten. Sie küßt meinen schlaff in der Leiste liegenden Schwanz. Ich werde dir nie verzeihen, haucht sie, daß du dich mir in den Weg gestellt hast. Und ich Dummkopf«, sagte Brandig, »bilde mir noch ein, sie wolle mir heimlich schmeicheln mit Koketterie, wo sie in Wahrheit nichts anderes als schroff und unverhohlen gnadenlos ist. Dann aber sagt sie: Und nun zu mir! Jetzt sei sie dran. Ich erhebe mich, sie legt sich an meine Stelle, jedoch zunächst auf den Bauch. Ich mach es genauso wie sie. Erst die Füße, die Beine. Dann die Hände, die Arme, die Schultern, den Nacken, fester, sagt sie und windet sich: Und nicht sparen mit der Milch. Ich streiche die Wirbelsäule, die in festes Fleisch gebettete Kette, die ausläuft in einen kleinen blondbehaarten rosa Streifen zwischen den Lenden, hinab: Du hast, sage ich dumm und dumpf, auch einen schönen Arsch. Den sie tatsächlich hat, aber wie kann man«, sagte Brandig, »so etwas sagen zu jemandem, der es einem selbst erst soeben gesagt hat? Ich habe die beiden sehr hoch angesetzten Hälften unter den Händen, hebe die Hände, senke sie, schiebe ich, aber das, verzeih«, sagte Brandig, »geht wahrscheinlich zu weit, es geht dich nichts an, obwohl es wahrlich nichts Kompromittierendes, nichts sie Bloßstellendes hat, nein, ich meine nur, schiebe ich die beiden Hälften mit anhaltendem Druck nach oben, entstehen zwischen der Höhe des Gesäßes und der Taille winzige Falten, als wäre sie, die unter mir Liegende, nun um einiges älter als sie tatsächlich ist und ich könnte«, sagte Brandig, »weinen vor Freude. Als hätte ich schon all die Jahre zwischen der Gegenwart und einer nicht mehr endenden Zukunft unter meinen bebenden Händen.«