Liebe, Leidenschaften und Wahnsinn

Gerd-Peter Eigners Roman „Brandig“. Von Norbert Schachtsiek-Freitag. Frankfurter Rundschau, 9. Oktober 1985. Folgte man Kafkas extremem Anspruch an die Literatur, der in der rhetorischen Frage gipfelt: „Wenn das Buch, das wir lesen, uns nicht mit einem Faustschlag auf den Schädel weckt, wozu lesen wir dann ein Buch?“, dann sähe es mit der Lesefrequenz zumindest der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur wahrscheinlich schlecht aus...
Kafkas Forderung, wenn wir sie hier einmal auf den Roman als komplexeste literarische Gattung münzen dürfen, liegt die Einschätzung zugrunde, der Leser sei ein Abenteurer, der, durch die Fiktion geschützt, mit dem Helden durch die Hölle schlimmster Erfahrungen gehen wolle — ob er sich damit nur kompensatorische Bedürfnisse für sein banales Alltagsleben verschaffe, bleibe dahingestellt. Tatsächlich ignoriert das Lesen eines Romans, der sich nicht wie ein dokumentarischer Text an der Authentizität der wiedererkennbaren Wirklichkeit orientieren muß, alle Konformitätszwänge im Denken und Fühlen und erlaubt das Ausleben des Unbewußten und des Verdrängten, unausgesprochener Wünsche und vermiedener Ängste.
Wer so engagiert liest, dem sei der Roman: Brandig, nach Golli (1978) der zweite des 1942 in Oberschlesien geborenen und seit einigen Jahren in Paris lebenden Gerd-Peter Eigner, ans Herz gelegt. Der Leser wird den Faustschlag erhalten und an Grenzerfahrungen teilhaben, die sein Leben verändern könnten, wenn er die erzählerisch entfaltete Dialektik einer leidenschaftlichen Liebe und den schleichenden Wahnsinn auf sich selber und sein Leben überträgt.
Erst auf der 276. der insgesamt 459 Buchseiten tritt der Romanheld Brandig auf, aber ehe der Leser an diesen Scheitelpunkt des Romans gelangt; hat er schon eine abenteuerliche Suche nach dem schon mehrere Jahre lang Verschollenen hinter sich. Am Romananfang trifft der namenlose Erzähler, der vor zwölf Jahren aus der gemeinsam mit Brandig geführten Anwaltskanzlei in Bremen ausgestiegen war und auf gewerbliche Numismatik umgesattelt hatte, zufällig die geheimnisumwobene Guinetti, die frühere Geliebte Brandigs, wieder. Jahrelang Verdrängtes dringt eruptiv in des Erzählers Bewußtsein, und überfallartig wird er mit seinen Schuldgefühlen konfrontiert. Sein Liebesverhältnis mit Brandigs Ehefrau Elisabeth sieht er als seinen Verrat des Freundes an, der weder gesühnt noch verziehen sei. Das Verhältnis hatte ausgerechnet in jener Zeit begonnen, als Brandig nach einem Streit um die Höhe einer Barrechnung während eines Urlaubs in Spanien von „Guardisten“ gefoltert worden war und nun, grausam zugerichtet, im Bett lag. Mit dem beruflichen Ausscheiden des Erzählers aus der Praxis trennten sich dann auch sehr bald die privaten Wege — beide verloren auch Elisabeth aus den Augen.
Als Brandig in einem Terroristenprozeß seine Rechte als Anwalt der Angeklagten unrechtmäßig eingeschränkt sieht, wird auch sein Glaube an die Rechtsstaatlichkeit zerstört; er legt mit großem Aplomb sein Mandat nieder und verschwindet, alles hinter sich zurücklassend. Er beginnt eine Odyssee durch mehrere europäische Länder, die aus diesem Menschen einen anderen machen wird...
Doch ehe Brandig selber die Stationen dieses Lebens dem Erzähler (der sie resümiert) mitteilt, steigt auch der Münzhändler für einige Monate aus den Routinen seines Lebens aus und macht sich auf die Suche nach Brandig, weil er sein „Trauma Brandig“ loswerden und die Vergebung seiner Schuld erlangen will. Ohne es zu wissen, bricht er zu „seiner“ Lebensreise auf, und er wird — wie Brandig vor ihm — in einen Strudel von Erfahrungen gerissen, die ihn verändern.
Von der Guinetti weiß der Erzähler, daß sie Brandig auf einer namenlos bleibenden „gottverlassenen griechischen Insel“ kennengelernt hat; wenn er inzwischen nicht schon tot sei, könnte Brandig nach ihrer Trennung vor ein paar Jahren dorthin zurückgekehrt sein. Der Erzähler reist zu der ominösen „unglückseligen Insel“, wo er den von den Bewohnern verfluchten Brandig zwar nicht findet, aber Brandigs Foltererlebnis an sich selber erfährt. Nach einer Zeit absichtlich herbeigeführter „Verwahrlosung“, in der er „die Kultur wie einen Schmerz hinter sich gelassen“ und mit der .Urlauberin Gina, einer Lesbierin, deren „Verletzlichkeit“ ihn wie ein Bannstrahl getroffen hatte, Momente einer ganz neuen Glückserfahrung gemacht hat, wird der Erzähler während eines rituell inszenierten „Blutrünstigkeitsfestes“ ein Zufallsopfer der entfesselten Gewalt der Dorfbewohner, die in dem Fremden und Brandig-Freund einen Tabuverletzer sehen und ihn brutal „züchtigen“. Nach einem Streifschuß kommt er gerade noch mit seinem Leben davon. Seine Versuche bei mehreren Behörden, die Strafverfolgung der Schuldigen zu beantragen, schlagen fehl — niemand will in die archaische Gewalthierarchie der Inselbewohner eingreifen. Resigniert und völlig irritiert über die Brandig-Parallelen seiner Reise verläßt er das Land, um über Rom nach Hause zu fahren —. ein Geschlagener, aus dem „Jäger ist das gejagte Wild“ geworden.
Der Suchende hat die Suche schon aufgegeben, dann steht der Gesuchte vor dem Denkmal Giordano Brunos in Rom vor ihm: für den Erzähler die Erscheinung eines „Ungeheuers“. Das Gesicht Brandigs ist „kaputt, ganz einfach zerstört“, die ,,Augen hingegen: jünger, feuriger, lebendiger denn je“. Der Schock der unverhofften Begegnung sitzt dem Erzähler noch in den Knochen, als die wie einem Horrorroman entsprungene Figur ihn auffordert, gemeinsam den Nachtzug nach Paris zu nehmen. In tranceähnlichem Zustand, der Faszination Brandigs willenlos ausgeliefert und unfähig, zwischen der Wirklichkeit und einer Halluzination zu unterscheiden, befolgt der Erzähler diese „Anrufung“ in der Hoffnung, hinter die letzten Geheimnisse Brandigs zu kommen. Es folgen qualvolle Tage in Paris, wo Brandig, von einer Bar in die nächste Pinte und wieder zurück ziehend, Unmengen von Alkohol in sich hineinschüttend, in einem großen Erzählsturmlauf seine große Konfession, seine leidenschaftliche Liebe mit der Guinetti mitteilt.
Das ist mit einer ungeheuren Intensität dargestellt, die wohl zuletzt, um ein Beispiel aus der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur vergleichsweise heranzuziehen, im Teneriffa-Kapitel des Romans „Die Annäherung an das Glück“ von Günter Steffens nachempfunden werden konnte.
Die Guinetti und Paul Brandig: zwei maßlos Liebende, die voneinander größtes Glück erwarten und einander schlimmsten Schmerz bereitet haben; die vor Anstiftung zum Morden und vor dem Sinnenrausch sadomasochistischer Exzesse nicht zurückgeschreckt sind; die den ureigensten individuellen Ausdruck ihres unvergleichlichen Lebens suchten und in extremen Erfahrungen einander verloren, weil sie nicht die kunstvolle Balance zwischen dem narzißtischen Ego und der exklusiven Gemeinsamkeit des Wir halten konnten. Sie mußten sich trennen, um überhaupt lebensfähig zu bleiben, selbst um der Preisgabe des einzigen wahren Geliebten willen. Brandig ist am Schluß des Romans an der Grenze des Wahnsinns angelangt; besessen von der — falschen — Vorstellung, seine Geliebte während eines Geschlechtsaktes im Moor getötet zu haben, treibt er nun wie Ahasver durch die Welt — unter dem neuen Namen Max Myslik, aber ohne wirkliche Identität .
Der Erzähler kehrt, wenn auch verstört in die Sicherheiten seines Lebens zurück, besorgt die Frage an den Leser weiterreichend: „Was ist denn von einer Liebe und Leidenschaft, wie sie uns Brandig vor Augen geführt hat, zu halten?“ Und: „Was soll denn wohl eine Wirklichkeit, bei der dem Menschen jeder Sinn für sie selber - eben diese Wirklichkeit - verlorengeht?“ Ja, um genau dieses bis zum Zerreißen gespannte Verhältnis von Wirklichem und Möglichem, Wahrem und Falschem des Lebens und Liebens geht es.
Das ist keine mühelose Lektüre; der vorgeschobene Erzähler springt zwischen den Zeitebenen und den erzählten Orten und auch in der Biographie der Figuren hin und her — muß er sich doch selber die Mosaiksteine mühsam zusammensetzen. Die dabei deutlich konturierten Umrisse der Brandig-Gestalt lassen einen in jeder Hinsicht radikalen Menschen erkennen, der gleichermaßen extrem hassen und zärtlich lieben kann, weil er verletzlich geblieben ist und auf der Autonomie seiner Gefühle beharrt. Das können die anderen Menschen, von denen der Autor die Guinetti aus diesem Gruppenbild in den Vordergrund rückt, nicht aushalten. Zweifellos liegen des Autors Sympathien bei Brandig und dessen „lebensdurchdringendem“ Erfahrungshunger, aber die Einschaltung des Numismatikers in der Rolle des dilettierenden Schriftstellers (sehen wir ihm einige sprachliche und stilistische Mängel nach) erweist sich als ergiebiger Kunstgriff, um den Protagonisten in der kritischen Distanz zu halten und die Bedingungen des Verstehensprozesses selber methodisch zu reflektieren, so daß sich der Roman auch als Doppelporträt interpretieren läßt.
Es wäre interessant, Walsers Brandung und Eigners Brandig nicht nur wegen thematischer Parallelen bei totaler Entgegensetzung der Hauptfiguren komplementär zu lesen, auch wenn der eingangs genannte Faustschlag nur von letzterem Buch erwartet werden darf.