Über »Brandig«

Von Alban Nikolai Herbst. Hessischer Rundfunk, Oktober 1985. Im allgemeinen schließen sich mittlerweile erzählende - Geschichten erzählende - und anspruchsvolle Literatur aus, - eine solche also, die Denken einfordert. Und es darf, nein: muß zu den seltenen Glücksfällen gerechnet werden, wenn es zu einer zumal offenen Vereinigung beider Ansätze kommt. Der Glücksfall besteht vor allem darin, daß Gerd-Peter Eigners 1985 bei Hanser erschienener Roman "Brandig" nicht nur geschrieben, sondern auch verlegt wurde: Denn als der Autor 1984 aus dem Text in Klagenfurt vortrug, fand er wenig Beachtung. Das muß nicht wunder nehmen, da Kritiker alles mögen, nur keine Intensität, die ihnen auf die Fingerknöchel schlägt. Freilich bleiben "Geschichten" in der Literatur uninteressant - zumal der Markt sie jetzt so hechelnd verlangt -; stets sind sie auf Modelle von Autonomie zurückzuführen und gaukeln also Personen vor, wo nichts ist als Tausch. Gleichzeitig aber leugnen "Geschichten" die Autonomie, wenn sie auf "Einfühlung" beharren. Immerhin geben sie allemal noch das Gerüst her für dezidierte wie delikate literarische Bauten und können ihren Autoren als Vorwand dienen gegenüber dem Leser, wenn sie ihm etwas anderes als eben die Geschichte zumuten, - etwas, das über die Sensation (nämlich Nerven-, nicht Kopf-Aufregung) hinausweist in den Leser selbst. Man läßt sich nicht gern die Schuld zuschieben. Für die Entfernung, die entsteht. Zum nächsten. Als hätte man ihn vernachlässigt, zurückgestoßen, verlassen. Verloren. Ihn unbarmherzig hinausgejagt in die Wüste. Die seine.
Eben. Das sagt im Roman der Erzähler: ein Münzhändler, der allzugerne Chronist wäre und also von allem nicht betroffen. Die Wertfreiheit des Zuschauers und auch Lesers klingt an, wenn er selbst es ist, der verlorengeht, genauer: der sich verlorengehen läßt. Was vermutlich noch am meisten den Zurückbleibenden schmerzt. Ich kenn meinen Brandig. Er dreht allemal alles um, stellt auf den Kopf und wendet die Spieße. Wie er ja überhaupt zu jenen zu rechnen ist, die beliebig umgehen mit menschlicher Nähe und Ferne. Eines nämlich verträgt der Beobachter und Leser überhaupt nicht: Brandig weiß nicht die rechte Distanz zu halten. Oder er will nicht. Er hält nie auf Distanz, bei aller Entfernung. Nichts ist entspannt. Ein fürchterlicher Zustand für alle, die sich beruhigen möchten, ich weiß. Freilich könnte ebenso gesagt werden, er halte immer nur die extremste Distanz. Und manchmal sogar zwei extreme Distanzen zusammen. Entweder er sitzt einem mit seiner hartnäckigen Natur - nämlich qua Text - hautnah drauf auf der ohnehin schon hinreichend geprüften Existenz, ja, er sitzt nachgerade in einem drin, so daß man sich gar nicht näher zu unterscheiden weiß von ihm selbst. Identifikation. Aber darauf ist kein Verlaß. Oder, wenn man will: von sich selbst. Oder er ist überhaupt nicht mehr auszumachen, nicht mehr zu sichten, wie ein so plötzlich verschwundener Schmerz, daß man ihn schon wieder vermißt und sich also so lange kratzt, bis er zurück ist. Nichts beunruhigt so wie ein Schweigen.
Aber wovon wird erzählt? Im Klappentext steht, Eigner habe gesagt, es gehe um die Auseinandersetzung der vom Münzhändler vor Augen geführte(n) Komödie der Lebensumgehung vor dem Hintergrund der von Brandig vollführten Tragödie der Lebensdurchdringung. Diese wird freilich bloß behauptet, nämlich im Kernstück des Romans von Brandig selbst mitgeteilt. Die raffinierte Kehre des Münzhändlers, es könne sich hierbei um Lügengespinste handeln, bleibt zumindest nicht ohne theoretisches Recht. Damit wird des (erzählten) Erzählers Verleugnungstendenz zu einem in sich argumentativ geschlossenen Verteidigungssystem und Eigners Prosa kunstvoll und dicht. - Also: Der Münzhändler – als namenlos bezeichnet er sich selbst - war einst Sozius eines Juristen namens Brandig, der als Wahlverteidiger in Terroristen- und Terrorprozessen arbeitete und eines Tages verschwand. Jahre später begegnet der Münzhändler einer Frau nanens Guinetti, die als Kind vermeintlich ihre Mutter in den Abtritt gekippt hat und später Brandigs Geliebte wurde. Die Frau erregt sowohl des Münzhändlers Fantasie wie seine Erinnerung so sehr, daß ihm die Distanz wegbricht und bereits auf Seite 15 deutlich werden kann, wozu Eigners Sprache fähig und daß an den Münzhändler --- die Welt herangetreten ist:
Daß eine Frau, der ich gesagt habe, daß ich sie etwas fragen möchte, aufspringt von ihrem Stuhl, mit herzzerreißender Stimme „Nein“ schreit, mich mit weit aufgerissenen Augen anstarrt und unmittelbar darauf wie geistesabwesend hinzufügt: "Was haben Sie gesagt", um sich mit energischem Schulterschwung umzuwenden, in die Küche zu stürzen, hinter der Küchentür zu verschwinden, mich so sitzen zu lassen, wie ich da sitze, mich warten, das Pfeifen eines Teekessels abwarten zu lassen, um m i t dem Teekessel wieder hervorzutreten hinter der Tür, auf einer Küchenanrichte kochendes Wasser in eine Kanne zu schütten, den Teekessel zurückzutragen hinter die Tür, mit der von der Anrichte gehobenen Kanne in der Hand durch den Türrahmen auf mich zuzutreten, Tee durch ein zierliches Schwenksieb, in dem sich die schwarzen Blätter fangen, in eine zweite schon auf den Tisch stehende Kanne zu schütten, die leer dann aber zurückzutragen in die Küche, wiederzukehren und vor seinen Augen mit einem Streichholz das Wachslicht in einem friesischen Stövchen aus durchbrochenem Messingblech zu entzünden... - Eigner setzt diesen hektischen Bandwurmsatz noch über eine halbe Seite fort, um immer noch eine Spur genauer und näher hinzusehen und dann mit einer Sentenz geradezu lapidar und eben dadurch tief betroffen machend zu enden:
so daß ich nahe daran bin zu weinen:
das - so etwas - vergißt man nicht.

Also begibt sich der Münzhändler auf die Suche nach seinem ehemaligen Partner. Er will ihm den Treuebruch gestehen, den er sich mit Brandigs Frau hat zuschulden kommen lassen. Aber dazu kommt es ebensowenig, wie er den Mann aufspürt, stattdessen nämlich umgekehrt dieser ihn. Und eben nicht auf der kleinen griechischen Insel, an jenem unglückseligen Ort, an dem, wie sich herausstellen soll, Brandig die Guinetti kennenlernte und nun der Münzhändler Gina, die jener zwar nicht körperlich und dennoch frapant ähnelt. Eigner hat diese Technik im narrativen Blut, seine Leser auf eine falsche Fährte zu locken, indem er sie auf die richtige setzt. Nein, das Wiedersehen findet in Rom statt, zu Füßen Giordano Brunos, seines Denk- und Schmerzens-Mals, auf Seite 277:
...in Brandigs Gesicht war weder etwas auszumachen, das sich ein Mensch wünschen oder auch nur zufügen lassen kann - es war, obwohl ich es nicht wiedererkannte, keinesfalls unkenntlich gemacht, - noch etwas, das aussah wie ein Kunstfehler, eine verunglückte Absicht, ein Zufall. Ja, ich spreche von Zufall und nicht zufällig komme ich zu gegebener Zeit - gleich! - noch auf den Zufall zurück... oder vielmehr: er, Brandig, kommt auf den Zufall zurück. Weil fortan des Münzhändlers Abhängigkeit von seinem Beobachtungs- und Projektionsobjekt Brandig allzu offenbar und von diesem auch erkannt wird.
In einer Mischung aus Haß, Abscheu und Neid folgt er dem Freund nach Paris, wo er und der Leser sich in einer langen Trunk-Nacht in einem langen Kapitel mit Brandigs atemloser Erzählung anfüllen lassen, - lassen müssen. Nicht von ungefähr zieht am Ende des Buchs der Münzhändler den Leser direkt ins Geschehen: Ich halte mich raus. Ja, ich halte mich fürderhin vollständig raus. Aus der Diskussion. Wie immer der Leser befinden mag: ich halte mich raus.
Das greift sowohl Tradiertes auf, wie es den Roman nochmals um eine Reflektionsebene hebt. Bereits in seinem 1978 erschienenen Roman "Golli" trieb Eigner eine Form von Selbstisolierung im literarischen Stil. War aber damals die vorherrschende Form eine schon in den Sätzen geschlossene, wie ein Zwang, so ist es nun - vor allem im ersten und zweiten Teil - ein ständig oszillierender, bei aller Langsätzigkeit mitunter hastiger Duktus, dem die Aussagen abgerungen werden. Und immer bleiben sie spürbar ambivalent. So ungefähr. Sagen wir so. Ich könnte das ausbauen. Denn der Verwahrlosende kehrt zu einer Unschuld zurück, die vor der Kultur war. Er hat die Kultur überwunden (...). Es kehrt Frieden in ihn ein.
Doch selbst das "nun ja", das Spötter solchen Sätzen entgegnen möchten, nimmt Eigner vorweg. Denn die Distanz, aus der er blickt, ist um so... ja: inniger, je deutlicher der ihr inneliegende Abwehrmechanismus ironisiert wird. Der an einer Hautkrankheit leidende Münzsammler verliert sie am Mittelmeer mit zunehmendem Wohlergehen. Ein banaler psychosomatischer Vorgang, gewiß. Doch läßt Eigner seinen Münzsammler nun nicht etwa sagen: "Ich mochte mich jetzt leiden", sondern „Ich mochte mich selbst richtiggehend, möchte ich einmal sagen, leiden.“ Womit er das Wort „leiden“ isoliert, das der Aussage widerspricht. Dergleichen findet sich hier zuhauf. In dieser Erählung herrscht nirgendwo Zufall.
Eigners Sprache schreibt seinen Akteuren ein zugleich ironisches wie radikales Recht zu. Denn selbst der Erzähler, den man allzuleicht als puren Beobachter denunzieren könnte, ist eben derjenige, der Brandig überhaupt erst zur Sprache verhilft. Auch solche Ambivalenzen wollen und müssen mitgedacht werden. Eben dadurch gelingen Eigner Passagen nicht nur von Kraft, sondern von einer Schönheit, die das meiste dessen mit lässiger und doch angestrengter Gebärde hinter sich läßt, was sich heutzutag (1985) so als Prosa verkaufen lassen möchte. Dabei spreche ich noch nicht einmal von den 128 Seiten, dem 8. Kapitel des dritten Teils, die zum zugleich Entfesseltsten wie Konstruiertesten gehören, was ich seit langem in deutscher Sprache gelesen habe: der atemlosen, durch zweifache Brechung permanent reflektierten Erzählung Brandigs, die den Roman zu einem der Großen der erotischen Literatur werden läßt. Womit ich nicht das Mißverständnis oder die Verleugnung mitmachen möchte, die einige Kritiker bereits den Begriff „erotische Obsession“ dem Klappentext hat nachplappern lassen. Denn was Eigner hier schreibt und Brandig erlebt hat, gehört zu den intensivsten und eben konsequentesten Liebes- und Leidenschaftsgeschichten der deutschen Literatur. Niemals geht es kitschig, niemals komisch, niemals peinlich zu, auch nicht satirisch und gar nicht - allenfalls im Philistersinn – „obszön“. Vielmehr lebt das Paar Guinetti/Brandig seine Beziehung bis ins wirklich Letzte hinein, und die ihrer Autonomie Hörigen prügeln sich die Gefühle im Wortsinn aus den Leib. Danach bleibt, was solcher Liebe immer blieb: der Tod. Da aber das Große Todes-Verschmelzen längst zur Schablone wurde, hat Eigner nur noch den sowohl verzweifelten wie ironischen Raum, den Tod selbst als einen vorgeblichen und vergeblichen hinzuschreiben: Bei einem Beischlaf im Moor sackt die Guinetti unter Brandig zusammen; dieser hält sie für tot und flüchtet aus dem Land. Als er nun, Jahre später, vom Münzsammler hört, die Guinetti lebe, kann er dies - eben aus Gründen seiner Liebe - nicht glauben: Es bliebe ihm sonst nichts als das Bewußtsein ihrer beider Vergeblichkeit.
So steht das natürlich nirgends im Buch. Moralisten sind Texte von großer Moral immer verdächtig; sie ziehen die doppelte Brechung vor: „Nun, sagt sie und es fließt ein rötlicher Schleier über ihre Stirn, Französisch ist schon auf dem Gymnasium in Montevideo meine Lieblingssprache gewesen, deshalb spreche ich auch fast ohne Akzent - und sie fügt ohne Pause hinzu: Und was bedeutet eigentlich Weltschmerz auf deutsch? Schwer zu sagen, sag ich denn auch, wirklich schwer zu sagen," sagte Brandig, "sie aber," sagte er, "sagt, daß Weltschmerz vermutlich nichts anderes sei als eine simple landesübliche dépression nerveuse, so wie sie immer mal wieder eine habe. Und was, sagt sie, sagt ihr, wenn ihr sagen wollt: J’ai te dans le peau? Wie? Was? sage ich: in der Haut? Unter der Haut? Ich meine, sagt sie, was noch mehr bedeutet als je t'aime, zumindest für mich. Ja, ich weiß nicht, sag ich," sagte Brandig, „ich dich in mir, unter, in meinem Innern, ich weiß nicht. Da sagt sie," sagte Brandig, "sag mal: was hast du eigentlich für Gefühle? Hast du Gefühle wie ich? Oder hast du andere Gefühle? Wenn man so eine Sprache spricht wie du. Die soll doch sehr reich sein. Die aber alles ausläßt."
So erzählt der Münzsammler dem Leser, was ihm Brandig erzählte, was die Guinetti diesem erzählte. Streng, ein heftiger Atemfluß, das Leben beinah selbst, und jeder Versuch des Münzsammlers, sich zu entziehen - angewidert zu sein, gibt er vor, wo er wie gierig lauscht und sozusagen liest -, scheitert an der Intensität dieser Geschichte in der Geschichte. Undzu alledem – denn nicht nur die Sprache ist stringent – gehen sogar die über 400 Seiten hinweggeschlagenen Konstruktionen, die Bau- und Handlungspläne auf. Da wird ein Rätsel, das sich auf Seite 14 stellte, auf Seite 455 tatsächlich gelöst, nachdem Eigner es seine Leser hat 300 Seiten lang vergessen lassen. Und nicht etwa in einem traditionalistischen Zugriff, sondern modern, sehr modern, wie man es manchmal von den Franzosen und Amerikanern kennt.
"Die Welt," also sagte Brandig, "ist von seltsam verändertem Aussehen, wenn man sie erschaut. Besonders, wenn man noch erwacht in klitschnaß durchweichten Kleidern." Das aber müssen Münzhändler und Leser schnellstens vergessen, schon weil sie in den durchweichten Kleidern auf keinen Fall erwachen, höchstens erzählt bekommen wollen, wie dann die Welt aussieht. Insofern ist Eigners Thema kein sehr anderes als das damalige, das er in seinem "Golli" angeschlagen hatte, und die letzten Sätze dort könnten ebenso am Ende von "Brandig" stehen:
„Ich habe einen Hut. Ich ziehe mir meinen Hut über die Ohren, da höre ich sie nicht. Ich ziehe mir den Hut über die Augen, da finden sie mich nicht.“