Über »Brandig«

Von Alban Nikolai Herbst. MID-Nachrichten November 1985. (Medien Informations-Dienst FFM) Wer Gerd-Peter Eigners Roman „Brandig", der in diesem Herbst bei Hanser erschienen ist, nicht lesen will, muß sich von mir auf den Kopf zusagen lassen, daß er eine der wesentlichsten Neuerscheinungen des Jahres 1985 verpaßt und verpassen will, also nichts von Literatur versteht. Punkt. Was Eigner hier vorführt, ist endlich einmal eine glaubhafte Ausarbeitung der doch längst verrotteten Handlungserzählung, gepaart mit vielerlei stilistischer Raffinesse, die aber niemals aufgesetzt wirkt, sondern, wie Bataille für den Manierismus formulierte, aus dem Fieberwillen kommt. Sprich: Was den einen Charakter des Romans von dem anderen unterscheidet, sind nicht die „erotischen Obsessionen", wie der Klappentext und manche Kritiker aus Abwehrgründen die Leser glauben machen möchten, sondern eine innige bis absurde Leidenschaftlichkeit, wie sie in solcher Konsequenz zwar unpraktikabel ist (oh die Angst davor!},
aber immerhin doch die einzige Möglichkeit, sich zur aufgezwungenen Passivität und dem Markt wie seiner Justiz ohne Selbstverlust zu verhalten. Daß Eigners Figur „Brandig" auf so direkt erlebter Welt beharrt, macht das Buch unbequem, und wahrscheinlich werden es einige, denen nämlich die Angst den Keuschheitsgürtel schnürt, schnell davonlegen, sowie sie merken, daß das Buch sie nicht in Ruhe lassen will. Übrigens ist es nicht nur ein Kampf- also Lebens-Buch, das mit philiströser Gesinnung nichts zu schaffen haben mag, sondern auch ein sprachlich ausgesprochen durchgearbeitetes. Und Eigner ist über die dumme Rezensentenfrage hinaus, ob er denn Stil habe. Auf diesem Niveau streiten sich die Feuilletons, aber nicht Schriftsteller, die mehr im Kopf haben als Angeblich schöne Geistigkeit. 128 Seiten des 455-seitigen Buches verdienen besondere Erwähnung: eine der dichtesten/verdichtetsten Liebesgeschichten der deutschen Nachkriegsliteratur; und „Liebe" wird hier in radikal romantischem Sinn ernst genommen.