Eine Literatur, die fordert.

Von Helmut Eisendle. Die Presse, Wien, Feb/Mrz 1986. ... Ich aber mißachtete die Bücher, läßt Eigner den namenlosen Protagonisten in seinem Roman „Brandig“ sagen, ich aber mißachtete die Bücher, die Zeitschriften und Broschüren. Das ganze Material. Ich mißachtete die Literatur. Das geschriebene Wort. Allerdings mißachtete ich es nur insofern, als ich es zu ernst nahm und zu genau las. Das war mein Fehler. Denn bekanntlich übertreibt es ja, das geschriebene Wort, jedes. Und untertreibt. Das ist seine Art. Es übertreibt und untertreibt, je nachdem. Gewissermaßen übertreibt es, um zu untertreiben, und untertreibt, um zu übertreiben, sowohl als auch. Es treibt sein Spiel mit uns, mit mir, dem Leser. Es treibt alles dort hin, wo es sein Autor hinhaben will. Oder wo es der Autor zwar nicht unbedingt hinhaben will, wohin es ihm aber entgleitet. So daß es hilflos treibt im Strom der Gedanken und fortgerissen wird und hinuntertreibt und sich schließlich auflöst in der hehren Unabsehbarkeit eines Meeres von Vergessen und Schweigen. Bis es wieder aufsteigt in Nebeln, landwärts zieht und als Tropfen warmer Vergeblichkeitsschauer niedergeht auf die Häupter derer, die schreiben. O ja, ich kenne es, das geschriebene Wort. Nichts als Übertreibungen, Untertreibungen. Treibgut. So ist es...
Für einen Autor, sagt Cioran, ist es ein wahres Unglück, verstanden zu werden. Sprache, im Gespräch, in der Rede, aber weil schwarz auf weiß vor allem in Geschriebenem, stellt etwas zur Schau, ist jene Art von Schaustellung, die hinter der Verwendung des Alphabets, hinter den Sätzen und Worten und Wörtern so manch einen, der etwas zu sagen weiß, es aber nicht wagt, zu einem Vorauswissenden, einem Helden, einem Herostrasten machen kann, hinter dem sich die Zweifel und Ängste des Bewußtseins, des Ichs eines Menschen verbergen.
So gesehen, ist jeder Autor, aber der gute im besonderen, sein eigener Deuter, Analysator, und jedes Werk wird zu einer mehr oder weniger getarnten Autobiografie, ein Notizbuch des Bewußtseins, vor dem eine erfundene Handlung, eine Geschichte, ein Roman mit wirklichkeitsfernen Protagonisten steht.
Ein großes Buch zu schreiben, wie es der Roman „Brandig“ darstellt, heißt ein Ding zu schaffen, das unserem, meinem und dem Bewußtsein des Autors, Konkurrenz macht, kein Abbild, sondern ein verzweifelter Hasard um ein Ich, das des Lesers oder das des Autors.
Ich gebe zu - vielleicht weil ich mir meiner Autorenschaft bewußt bin -, daß mich immer weniger interessiert, was ein Autor sagt, als das, was er sagen will, wollte und träumt. Mein Interesse liegt so nicht im Wirklichen, sondern in seinen Phantasmagorien. Träume, Hirngespinste eines Autors. Literatur.
Durchschaubarkeit, die Handlung, die bibliomaniake Gebärde des Wiederholens und Neuüberdenkens eines Themas führt zur Langeweile; eine zerrissene Raserei, Besessenheit, der Abscheu vor einer routinierten, bestätigenden Literatur erzeugt einen Konsumptionszwang, der dem Schreiben selbst sehr nahe kommt.
Was mich an dem Roman „Brandig“ wie an wenigen anderen Büchern begeistert, ist die imperative Fiktion, ein literarisches Dogma, das von meinem Bewußtsein mehr fordert, als es zu geben imstande ist. Ein Bewußtsein, nämlich das des Autors, greift in meines ein, stört es, stellt mein Denken unaufhörlich in frage, ist vielleicht ein Angriff, eine provozierende Attacke, sicher keine Bestätigung meiner Denkgewohnheiten.
Sein Narzißmus, sagt Cioran in seinem Aufsatz „Valery und seine Idole“, ist von dem, was er „Pathos“ des Intellekts genannt hat, nicht zu trennen, nicht ein Narzißmus der intimen Aufzeichnungen, nicht die Anhänglichkeit an das Ich als eine einzigartige Abweichung, es ist auch nicht das Ich jener, die gerne mit der eigenen Befindlichkeit beschäftigt sind; nein, es ist ein abstraktes Ich, genauer, das Ich eines abstrakten Einzelnen...
Gerd-Peter Eigner: „Brandig“, Roman: Ein namenloser Ich-Erzähler mit einer gemeinsamen Geschichte, sucht Paul Brandig, seinen Freund, und damit sein antipodisches Ich, an unzähligen Orten der Welt: Spanien, Griechenland, überall; als er ihn findet, in Italien, erzählt Brandig dem durch einen Zufall Wiedergefundenen sein Ich.
Eliada Giancarla Guinetti, eine Frau, eine Chimäre, wird zu einem Thema, wobei die Behandlungen der spanischen Diktatur, der deutsche Rechtsstaatlichkeit und Aventuren auf einer griechischen Insel schattenhaft im Vordergrund stehen. Brandig erzählt seine Geschichte, seine Leidenschaft, eine kastrierte Pornographie mit dem zwingenden Anspruch auf Schaustellung, Fantasien oder Berichte, Lügen oder Wahrheiten – was macht den Unterschied? Libido und ein tyrannisches Schicksal, eine Abweichung von einer nichtdefinierten Normalität.
Wie in seinem Roman „Golli“ (1978), behaupte ich, verfolgt Eigner mit seinen Protagonisten ein Prinzip; eben dem Verfall eines Ichs durch Chaos und Sinnlichkeit durch ein immer wieder das Ich suchendes Bewußtsein standzuhalten.
Daß dies nicht gelingt und nicht gelingen kann, weiß der Autor, und es entspricht seinem Anspruch an Literatur; wie einige wenige vor ihm gibt er in beiden Büchern Antworten auf Fragen aus einem fremden Bewußtsein, dem Bewußtsein des Lesers, die erst folgen müssen. Es ist eine imperative Literatur, die fordert. Bewußtseinsliteratur auf die Spitze der Zeit getrieben, wie einige vor ihm: Joris Karl Huysmans mit „Tief unten“, Pierre Klossowski mit „Die Gesetze der Gastfreundschaft“ oder Georges Bataille mit dem Roman „Das Blau des Himmels“.