Reißerisches Maskenspiel

Von Rolf Grimminger. Süddeutsche Zeitung, 12./13. Oktober 1985. Manche Romane beginnen auf der ersten Seite, manche später, viele haben bis zum Ende noch nicht angefangen, so langweilig sind sie, falls man das überhaupt noch bemerkt, weil man zwar mürrisch, aber zäh bis zum letzten Wort durchhielt, „Brandig“, gewiß kein langweiliger Roman, beginnt auf der ersten Seite und dann nochmals in der Mitte, als jene Figur endlich auftaucht, die der Titel ankündigt. Wie geht das zu?
Zunächst erzählt einer von sich, der zwar keinen Namen hat, aber einen Beruf, Münzhändler ist er, und das sorgfältige Ordnen alles Vorfindbaren wurde ihm zu einem derart inneren Bedürfnis, daß er an äußerem Zerfall zu leiden beginnt. Etwas wie eine Schuppenflechte verunziert seine Haut, er mag sich selbst nicht. Wenigstens zeitweise entwickelt er dort, wo er wohnt, nämlich im Moor, eine abstruse Leidenschaft für dessen Leichen. Er findet aber keine, so sehr er auch danach sucht, sie liegen einfach zu tief. So tief, wie sie liegen, sind sie in Sicherheit, vollkommen isoliert überdauern sie das Chaos der Geschichte überhaupt und der menschlich-erotischen besonders. Derartige Wirren, wie sie zwischen Männern und Frauen sich abspielen, lassen die Moorleichen kalt, die glücklichen.
Es sind die Wirren auch des Münzhändlers, der mit seiner Trude so einsam im Moor lebt, als hätte er sich dessen Leichen schon anverwandelt, insgeheim aber das Gegenteil ersehnt, mag es nun die stille Selbstgenügsamkeit tatsächlicher Moorleichen sein oder eine prall lebendige, erotische Frau, wie sie gleich zu Beginn Eliada Jeanne Carla Guinetti verkörpert. Herrgott, welch ein Kontrast zur Deutsch-Trude! Südamerikanerin ist die Frau mit dem exotischen Langnamen, außerdem bevorzugt sie Schwarze, früher war sie die Geliebte jener anderen Sehnsuchtsfigur des Münzhändlers, die der Romantitel nennt - Brandig. Offenbar hat auch der eine ganz naturwüchsige Sexualität, schlief er doch mit der Eliada Jeanne Carla Guinetti mitten im matschigen Moor, und so rücksichtslos nahm er sie dort, daß sie in Ohnmacht fiel und um ein Haar zu den Moorleichen versunken wäre, wo Friede herrscht. Seitdem ist dieser Brandig, der so gar keine münzhändlerische Ordnung hat, spurlos verschwunden. Wo steckt er?
Der Münzhändler macht sich auf, Brandig zu suchen wie Peter Schlemihl seinen verlorenen Schatten oder Philip Marlowe einen Unbekannten, von dem er nicht weiß, ob er der Täter oder das Opfer ist Er sucht ihn zunächst auf einer griechischen Insel, macht dort aber nur Ferien („verwahrlosen“ nennt er das) von seinem grindigen, nordisch kühlen Ordnungs-Ich.
Brandig bleibt verschwunden, bis er, und hier beginnt der Roman rund um die Mitte ein zweitesmal, ganz unvermutet in Rom auf der Spanischen Treppe auftaucht, wo auch sonst? Worauf er dem Münzhändler seine Geschichten im Rückblick entdeckt, zunächst jene, wie er noch während der spanischen Diktatur zum Opfer staatlicher Gewalt wurde. Verprügelt, gefoltert, die Hoden halb kaputt geschlagen: erste Geschichte.
Später wird er von Gericht und Polizei des bundesdeutschen Rechtsstaates schikaniert, und wieder gehen sie ihm bei der Leibesvisitation an die Hoden: zweite Geschichte. So oder so, die Staatsmacht ist eine monströse Kastrationsinstanz, das hält Brandig nicht mehr aus, er setzt sich ab auf jene griechische Insel, wo ihn der Münzhändler schon suchte. Für Brandig wird sie zur Schicksalsinsel, denn auf ihr trifft er Eliade Jeanne Carla Guinetti, die femme fatale, die lügt wie gedruckt und ganz und gar Bett ist und ihn so gänzlich da hineintreibt, daß er alle Kastrationsattentate vergißt, obwohl die Hoden... aber nein, lesen Sie es selbst - die dritte, die Schlußgeschichte „Brandigs“, das Finale in forto und fortissimo, eine Geschichte der Leidenschaft, der sexuellen Besessenheit.
Sie beginnt zärtlich, steigert sich dann über unterschiedlich drastische Beschreibungen verschiedener Varianten des Beischlafs bis zu Gewaltphantasien hoch, in denen sich rituell auspeitscht, was sich begehrt, Eigner grüßt de Sade - oder auch die Medienindustrie. Nichts spart er aus, schon gar nicht das Territorium, das noch vor etwa zwanzig Jahren als Pornographie unter dem Ladentisch zu entdecken war. Merkwürdige Zeiten waren das, sind das schon wieder, unter dem Ladentisch kann man jetzt die Romane suchen, die nichts Detailliertes über den Orgasmus berichten. Und die Rundumgeschichte erzählt Brandig dem Münzhändler (der sie, sagte er im Ernst, Wort für Wort aufnotiert), wahrend einer nächtlichen Sauftour durch Pariser Kneipen.
Soweit ist „Brandig“, der zweite Roman des 43jährigen Gerd-Peter Eigner (für seinen ersten, „Golli“, erhielt er 1978 das Villa-Massimo-Stipendium), ein Reißer, absichtlich hininszeniert in seiner Mischung aus Reiseroman mit viel Ortswechsel und einem mehr zitierten als ausgeführten Krimi, vor allem aber in den Beschreibungen der Gewalt und noch mehr in den üppig wuchernden Sexualphantasien, im prickelnden Pathos des Geschlechts der Eliada Jeanne Carla Guinetti und ihres Brandig. Einen Reißer kann man nur schreiben, wenn man an entscheidenden Stellen dick aufträgt, vor massiven Klischees schreckt Eigner also nicht zurück. Und nicht nur deshalb, weil er Brandigs Namen und dessen Männerphantasie entsprechend feuerrot dort malt, wo die Frauenliteratur, sofern geistesverwandt, grauenhaft schwarz sieht Der Münzhändler kann das am Ende verstehen, zwar war Brandig durch den gesamten Roman hindurch sein Wunsch-Ich, am Ende aber widert er ihn eher an.
Der Münzhändler und Brandig - einer ist der abgespaltene Teil des anderen, und hinter beiden thront seine Majestät, der Autor, der ein Maskenspiel aufführt und seinem Untertan, dem Leser, befiehlt, gleiches zu tun. Im übrigen reden beide Figuren die gleiche Sprache, nämlich diejenige, die ihnen ihr Autor verpaßte. Es ist eine sehr detailverliebte, ja detailversessene Sprache, was immer sie beschreibt, zerlegt sie sofort in kleinst-mögliche Einzelheiten, um es aus dem Puzzle der Teile und Teilchen neu zusammenzusetzen. Ein literarisch sehr anspruchsvolles Verfahren ist das, mit dem Eigner spannende, gute Beschreibungen seines Reißerthemas „Geschlecht und Gewalt“ gelingen. Leider schreibt er aber auch dann so, wenn er den Münzhändler etwa gerade erzählen läßt wie er mit Brandig im Speisewagen frühstückt.