Exzesse mit Eliada

Gerd-Peter Eigners so ärgerlicher wie vergnüglicher Roman „Brandig“. Von Wend Kässens. Die Zeit, 17. Oktober 1986. Brandig ist etwas, das brennt. Brandig ist aber auch jemand, der »im Gegensatz zum allgemeinen Tod des Lebewesens das örtlich begrenzte Absterben von Zellen, Zellgruppen, Organen oder Körperteilen „ (Lexikon) erleidet. „Brandig“ ist Gerd-Peter Eigners zweiter Roman überschrieben, Paul Brandig heißt sein Titelheld, der, wie schon der Titelheld von Eigners erstem Roman „Golli“, Anlaß einer obsessiven Krankengeschichte ist, deren Befund dem Leser überlassen wird.
Gerd-Peter Eigner ist ein langsamer Schreiber, mit 44 Jahren ist er nicht mehr jung, in Paris lebt er abseits vom westdeutschen Literaturbetrieb und mit 460 Seiten Umfang ist sein zweites Buch nicht gerade rezensentenfreundlich.
Gründe genug, einen Autor zu übersehen und einen Roman zu ignorieren, der in raffinierter Verknüpfung von Schmerz, Satire, Ironie und tieferer Bedeutung ein nachdenklich stimmendes Psychogramm unserer Epoche zeichnet.
Thomas Manns Roman „Doktor Faustus“ dient Eigner als Modell und in Anspielungen, Verknüpfungen und Motiven auch als Vorbild für seinen Entwicklungsroman, in dem sich die Suche des unbenannt bleibenden Ich-Erzählers und Biographen nach seinem Freund Brandig zur Expedition in verschiedene Abgründe der Sprache, des Zeitgeistes, der Innen- und Außenwelten, des Bewußten und Unbewußten auswächst. Die Expedition, der Roman, besteht aus drei Teilen. Im ersten bringen Zufälle die Geschichte in Gang. Der Ich-Erzähler, früher Anwalt, jetzt Münzsammler und -händler mit einem Faible für Moorleichen, trifft Eliada Jeanne Carla Guinetti wieder. Die verführerische einstige Geliebte seines verschwundenen Freundes, des Terroristen-Verteidigers „mit umstürzlerischen Ambitionen“ und Kompagnons in der ehemaligen Kanzlei, Paul Brandig, lockt ihn aus seiner Zweisamkeit mit Trude und dem Haus im Moor, indem sie Einblick gibt in ihr Intimleben und gleichzeitig eine Spur legt zu dem Verschwundenen. Das uneinlösbare Begehren des durch eine Schuppenflechte verunsicherten Ich-Erzählers bricht sich Bahn als Projektion. Er verläßt Heim und Moorleichen und begibt sich auf die Suche nach der eigenen Identität im großen Vorbild Paul Brandig.
Im zweiten Teil erleben wir ihn in Rom bei einem Schriftstellerfreund mit Schreibhemmungen. Hier schreibt der Ich-Erzähler seine Erlebnisse auf einer griechischen Insel nieder.
An diesem Ort erlebte der Tourist in Sachen Brandig Unheimliches - so terrorisierten wenige „Kämpfer“, wie der Erzähler sie nennt, die große Mehrzahl der „Stillen“ - und kam doch mit sich und der Welt ins reine. Ganz entspannt im Hier und Jetzt vergaß er den Anlaß, das soziale Umfeld und die Schuppenflechte. Der Einbruch in die Idylle aus heiterem Himmel: Die Wirklichkeit bewies sich schlagend. Von griechischen Kämpferfäusten gräßlich zugerichtet, blieb die Flucht, die Erschütterung des Selbst-Verständnisses und keine Hoffnung für Moral und Recht. Die Milde des neuen deutschen Innenministers, der die jüngste Vergangenheit durch eine Amnestie bewältigt hatte, war da nur ein schwacher Trost, auch wenn sie, wie in der Athener Botschaft zu erfahren war, auch Paul Brandig zugute kommen sollte. Den trifft der Ich-Erzähler im dritten Teil unter dem Denkmal Giordano Brunos in Rom, eigentlich trifft Brandig ihn, der Brandig sucht und sein Phantasma nicht mehr erkennt. Brandig ist ihm offenbar ein anderer geworden, einer, der nun Nietzsche zitiert, „das Werden des Guten durch das Böse, als das Werden der Zwecke aus dem Zufalle“, einer, der vom Alkohol gezeichnet zu Fall gekommen ist, einer, dessen Blicke den Ich-Erzähler gleichzeitig anziehen und abstoßen. Mal glaubt er darin einen Erleuchtungsglanz zu erkennen, das, „was wir das Wesen, das Wahre und Tiefe“ nennen, ein anderes Mal eine unendliche Trauer, die vermuten läßt, den Augen „sei aller Grund des Schauens und Erkennens abhandengekommen“.
In zwei nächtlichen Spracheruptionen, im Liegewagen von Rom nach Paris und bei einem Kneipenstreifzug in Paris nimmt Brandig den Ich-Erzähler und den Leser mit auf eine Dantesche Höllenfahrt in die Monsterwelt unserer Realität, läßt uns teilnehmen an diversen Kastrationsakten, an seinen sexuellen Exzessen mit der vergötterten Eliada, den Auflösungen aller Sicherheiten und Selbstverständlichkeiten, bis der Identitätsspiegel Brandig-Eliada zerbricht und Eliada den entsetzten Brandig allein zurückläßt.
Was der Ich-Erzähler minuziös notiert, ist das Scheitern von Brandigs Illusion eines Lebens in Ganzheit, wo Es - um mit Freud zu sprechen - zu Ich wird; Es wird nicht Ich, die Erfahrung des Mangels ist schmerzhaft, die körperliche Zerrissenheit nicht aufzuheben. Was bleibt, ist die Hoffnung auf ein neues „verlockendes Trugbild“ (wie es der französische Psychoanalytiker Jacques Lacan formuliert hat), die halluzinatorische Wiederherstellung der Einheit durch das Phantasma eines Ichs, so wie es Brandig für den Ich-Erzähler und Eliada für Brandig war. Zwischen Hoffnung und Verzweiflung bleibt Brandig als Max Myslik in seinem Pariser Dachkämmerchen zurück. Den Ich-Erzähler zieht es zu Trude ins Moor, wo er erneut die Schuppenflechte behandeln und Trude bei ihrem Buch über die Wirklichkeit der Liebe helfen kann.
Gerd-Peter Eigners Roman handelt von immer neuen brennenden Wünschen und Begehren und vom immer neuen Scheitern. Seine Helden sind die heutigen Mittvierziger, die während der Studentenbewegung mit Macht dem „verlockenden Trugbild“ einer anderen, besseren Gesellschaft nachgingen und heute ihren Mangel an Sein in religiös verbrämter Innerlichkeit kompensieren. Eigner versteht es, die Doppelbödigkeit der Sprache so auszustellen, daß ihre Verdrängungsleistung erkennbar wird. Dadurch entsteht Witz: „Denn es ging, wie gesagt, um den Stillstand. Und um die . Bewegung in ihm.“
Mit emphatischen und mäandernden, oft an Thomas Bernhard erinnernden Sätzen, evoziert er grelle Bilder aus Sex, Crime und Kitsch. Mit Botho Strauß teilt er den satirischen Blick auf eine Vernunft, die nur noch der Unterdrückung und Selbstkasteiung dient. So ist „Brandig“ ein so ärgerliches wie vergnügliches, ein so vorder- wie tiefgründiges, auf jeden Fall ein lesenswertes Buch.