»Lichterfahrt mit Gesualdo«

Aus dem 2. Kapitel des Dritten Teiles

»Don Carlo Gesualdo, Fürst von Venosa, Neffe des Erzbischofs von Neapel, dieser beispielhafte Zuspitzungsfall nicht nur auf meiner ja keineswegs dogmatischen, sondern wirklich breitgefächerten vokalmusikalischen Palette, der hingeht und in einer Anwandlung, doch, so darf man wohl sagen: Lichterfahrt mit Gesualdo - TB Lichterfahrt mit Gesualdo Anwandlung von wohlüberlegt rächendem Allmachtswahn und sühnegestaltendem Liebes- und Eifersuchtsschmerz zum Mörder wird an Donna Maria d'Avalos, der strahlenden Gemahlin, und gleich auch noch eigenhändig den mit ihr in flagranti ertappten Don Fabrizio de Carafa niedermacht, den Herzog von Andria, um nach der schrecklich kalkulierten Raserei als Landesherr und Gerichtsherrlichkeit über sich selbst zu Gericht zu sitzen und sich, einmal abgesehen von den Reinigungen und Peinigungen, denen er sich fortan durch die Hände jener unter seinen Getreuen unterziehen wird, die ihm beistanden bei der Bluttat, für den Rest seines Lebens auf eine Weise in Ketten zu legen, die alle Vorstellungen, die Ketten der Vorstellung, sprengt, in die allerengsten und alleräußersten Ketten nämlich der Kunst, in der allein Freiheit ist, weil sie bis zur Selbstauslöschung räuberisch dient der Schönheit. Dagegen sind die Caravaggios und Jean Genets rechtgläubige und bedächtige Buben. Ich plage mich, ich krümme mich, ich verzweifle angesichts dieses Mannes und dieser Moral. In Neapel habe ich selbst recherchiert und eruiert, daß ihm nicht nur die Eifersuchtstat zur Last gelegt wird: auch das zweite Kind der Maria d'Avalos, an dessen Legitimität zu zweifeln er Grund hatte, soll seiner Schlächtertollheit zum Opfer gefallen sein. Und dann«, sagte Beck, »der Rest, genauer: das Ergebnis. Das Werk. Was für Töne! Was für Klagen und Jauchzer! Dolorosa gioia und suave dolore, die Essenz, dunkle Oxymora, der Lebens- und Todesabsaugfaktor, mit dem ich nicht fertig werde und der des gewitzten Theodor Wiesengrund Postulat, jedes Kunstwerk sei eine abgedungene Untat, Lügen straft oder wenigstens rückwirkend obsolet macht; sofern ich den richtig verstanden habe. Hier ist doch die Untat unabdingbare Voraussetzung des Kunstakts, abgedungen ist nichts und wird nichts. Oder wollen wir uns immer alles nur abhandeln, sublimieren, erledigen, mithin: ersetzen lassen? Erst zuschlagen und wüten, meucheln, brandschatzen, verwüsten und rächen, um Raum zu schaffen für die Schuld, die ohnehin - ohne uns mehr noch als mit uns - in der Welt ist. Und dann der Welt ein Licht aufstecken, in diesem Falle ist es eines, das leuchtet bis heute. Unser Gewalttäter in Sack, Glanz, Glut und Asche läutert sich erst nach der Untat zu dem großen, dem größten Madrigalkomponisten, der er ist und sein wird. Er umgeht nichts mit seiner Musik, er läßt nichts aus. Ich werde damit nicht fertig, ich bin damit nicht fertig. Ursache und Wirkung, ein Auslaufmodell, das ganze Geflecht«, sagte Beck, »Fleischeslust und Zerknirschung, Selbstanklage und Sprengen der Formen, die Kavalkade der Meuten und Mächte, die in uns toben, das Zerbrechen der Ketten, die uns von Anbeginn angelegt sind, zum Zwecke der Emanzipation, die in der Kettenwahl liegt. Kreisverkehr«, sagte Beck, »tut mir leid, wenn ich dich aufgehalten habe. Ich muß selber sehen, wie ich da herauskomme. Man hat die Wahl, denkt man, und dann sieht man, man hat sie nicht, noch lange nicht. Es liegt nicht allein in unserer eigenen Hand. Aber es ist schon ein Fortschritt, nicht alles unter der Rubrik Psychopathologie abzuheften.«