Armes Einzelschwein

Gerd-Peter Eigner auf Lichterfahrt. Von Wilhelm Kühlmann. Frankfurter Allgemeine Zeitung, 5. November 1996. Am Ende trennen sich zwei Freunde am Bahnhof von Münster. Viele Stunden lang hatten sie in einem schäbigen Werkstattwagen beisammengesessen. Am Steuer hielt sich ein Mann mit dem merkwürdigen Vornamen Redderich wach, neben ihm Karl Jonathan Beck, einst ein Geigenvirtuose, nun ein leicht verlotterter Musikschriftsteller. Zwischen ihnen liegt ein rätselhaftes, zunächst namenloses Mädchen. In Paris hatte Beck das Kind wie ein Entführer in das provisorische Umzugsauto bugsiert, elementare Vorsorge dabei offenbar außer Betracht lassend. Sonst müßten sich die beiden Männer, die ins Westfälische aufbrechen, nicht manchmal durchaus komisch wirkende Sorgen um die Frage machen, wie denn den allernatürlichsten Nöten des unverhofften Schützlings abzuhelfen sei. Glücklicherweise sind die beiden erfinderisch, verwandeln Wischpapier in Windeln und behelfen sich mit dem, was sonst noch zufällig in den Winkeln des Gefährts aufzutreiben ist. Das Kind schläft zumeist behaglich. Über dem Unterpfand des „unerhörten Ereignisses“ entspinnt sich dieweil ein Gespräch, das sich zu Becks Lebensbeichte entwickelt.
Die Umzugstour heim nach Deutschland führt in die Erinnerungsräume labyrinthischer Verwicklungen. Vieles würde der Leser kaum begreifen, hätte Eigner, geboren 1942 in Oberschlesien, dem Hauptteil seines Romans nicht einen Bericht vorgeschaltet, der wiedergibt, was sich Redderich schreibend vergegenwärtigt. So entsteht eine Spannung zwischen altväterlicher Retrospektive und einem vielgliedrigen Monolog, der mit dem Lenker des Wagens auch den Leser in seinen Bann zieht. Erst nach und nach wird klar, was nun Sprache wird. Eigner findet einen Weg aus der Einsamkeit, der nichts mehr gemein hat mit der Reihe von Bistrokurzweil und Bettgeschichten vergangener Jahre. In der novellistischen Verrätselung der Geschichte verbirgt sich das Finale einer verstohlenen Sehnsucht nach Erlösung von jenem Zustand, den Becks Freundin einmal mit „trotzig-wilder Miene“ auf den Nenner bringt. „Ich war auch nur so ein armes Einzelschwein.“

Bald denkt man an Eichendorffs Gedicht von den „Zwei Gesellen“. Denn was die Freunde in Paris erleben, dröselt Eigner als Endphase divergenter Lebensläufe auf. Die Träume von entschlossenem Ausstieg und kühner Selbstverwirklichung spielten in ihnen einst eine Rolle, damit aber auch das Auf und Ab der Enttäuschungen. Redderich spielt den bürgerlichen Part, und Beck ist der, dem verführerisch die Stimmen „sangen“. Hier der vom Anflug des Ingeniösen gezeichnete Geigenvirtuose, dort der verhinderte Archäologiestudent, der .sich doch in die Kompromisse der „Lebenskonsolidierung“ schickt und in den Betrieb seines Vaters eintritt. Beck, so ist nach und nach zu erfahren, gastierte zwar bei verschiedenen Orchestern, entsagte jedoch unter einem Vorwand allen Auftritten und damit auch den Sicherheiten des „sozialen Netzes“. Frauenaffären wechseln mit asketischen Anstrengungen, doch von den geplanten Büchern erscheinen allenfalls vorläufige Artikel. Denn Beck hat es nicht nur auf Komponisten wie Meyerbeer abgesehen, sondern auch auf Don Carlo Gesualdo, den Meister des Madrigals. In seinem abenteuerlichen Lebenslauf scheint sich zu vereinen und abzuspiegeln, was die Empfindungswelten des „exaltierten“ Freundes bestimmt: die Lockung der Töne, der Reiz der strengen Form und eine pittoreske Existenz fernab des Gewohnten. Derlei freilich ist nur kontemplativ zu genießen.

Das Pariser Beisammensein brachte offenbar kaum Erheblicheres als erotische Anwandlungen und den Kampf gegen Alltagswidrigkeiten mit sich, hinter denen gelegentlich die Protesthaltung des antikapitalistischen Widerwillens Gestalt annimmt. Beck profiliert sich als Kämpfer wider die Macht der Makler und die Machenschaften von Eigentümern, die Mieter mit allerlei Schikanen vertreiben. So gelingt es Eigner, schlaglichtartig die Dynamik jenes Modernisierungsprozesses zu beleuchten, dem Teile des alten Paris zum Opfer fallen. Daß davon auch die alte Oper betroffen ist, erregt Becks Zorn. Doch nicht der Aufstand des politischen Bewußtseins verwirrte seine Seele, sondern ein anderes „unerhörtes Ereignis“.
„Was es bedeuten soll“, schält sich nur langsam heraus. Denn auch Beck vernimmt zunächst nur den Gesang einer betörenden Stimme. Sie gehört Kristina, nicht einer Operndiva, sondern einer Frau, die in den langen Gängen der Metro narzißtisch und von allen Banalitäten ungerührt nichts anderes genießt als den Widerhall ihrer Lieder. Beck verfällt dieser neuen Loreley, und indem er sein Erlebnis berichtet, verwandelt sich auch Eigners Prosa in Sirenengesang. Kristinas Epiphanie in der „Kachelhöhle“ der Metro läßt den Passanten stocken, löst die Ödnis der Gegenwart auf und markiert ein ästhetisches Wunder, hinter das sich zurückzubesinnen kaum mehr möglich erscheint. Eigners Prosa lodert gleichsam auf in der Begeisterung über die Inkarnation musischer Fraulichkeit. In rauschhaften Bildern, Klangfolgen und Satzrhythmen modelliert Eigner den äußersten Pol seines weitgeschwungenen Stilspektrums: „Die Blässe ihrer Haut aber schimmerte wie eine Schneewüste, sie war von einer solchen Durchsichtigkeit, wie sie nur eine Landschaft haben kann, unter der sich ein anderer Schmelz verbirgt, das, sagen wir, nach dem Schmelzen des Eises Aufblühende, die Aggregatzustände anderer Jahreszeiten.“

Die „blumige“ Sprache der Begeisterung kontrastiert dem pedantesken Bericht und der umständlichen Rekapitulation von Erinnerungsmomenten, die bisweilen sogar in umständliches Aktendeutsch versacken können. Dazwischen blitzen Schlüsselszenen der Empörung auf, bricht sich selbst in Redderichs Bericht noch jene Atemlosigkeit Beckscher Aggression Bahn, die dem Leser in Katarakten sich verheddernder Sätze entgegentritt. Dabei gelingt es Eigner, allmählich die ganze Komplexität seiner Figur aufzuschlüsseln. Denn hinter dem Musiker verbirgt sich auch der Finanzkalkulator und Schnorrer, der seiner Einsamkeit bisweilen in irrsinnigen „Lichterfahrten“ durch das nächtliche Paris abhilft. Eigners Beschreibungen steigern sich hier zu einer Klimax rasender Impressionen, in denen das Pandämonium der Großstadt mit der Lebensgier und Lebensangst des einsamen Ichs verschmilzt. Die Frontscheibe des Autos wird zur Glaswand eines Aquariums, hinter der sich im verwirrenden Lichterspiel heimlich vollzieht, was sich das einsame Ich versagt, ohne ihm doch entsagen zu können.
Mit angehaltenem Atem verfolgt der Leser schließlich einen Erzählvorgang, der glaubhaft die Bilanzen eines schwierigen Lebens ausbreitet. Fast verschwenderisch geht Eigner mit der Fülle von Motiven um, um die sich andere Autoren balgen würden. Es ist, als ob mehrere novellistische Einfalle in diesem Roman gebündelt und dabei auf elliptische Zentren ausgerichtet wären. Die Kristina-Geschichte hängt nur locker mit dem Rätsel des Kindes zusammen, das Andrée heißt und nicht von der schönen Sängerin stammt, sondern von einem der Groupies im Kaleidoskop wechselnder Bekanntschaften. Daß man gelegentlich miteinander schläft, hinterläßt anscheinend weder Wunden noch Narben. Delphine, so heißt die Mutter, versetzte sich einmal in den Frauentypus, der das Kind ohne den lästigen Mann ersehnt. Doch der Mutterrolle zeigt sie sich nicht gewachsen.
Eigner schreibt unsentimental gegen den Strich femininer Gefühligkeit. Indem Beck das Kind an sich nimmt, gehorcht er einem spontanen Entschluß, der aber doch genau die prekäre Gefühlsarmut einer bloß momentan inszenierten Mütterlichkeit trifft. Dabei wird der erhobene Zeigefinger vermieden, und das Moralische versteht sich allenfalls im Ungesagten „von selbst“. Nicht daß sich am Ende bequeme Lösungen, ein happy end oder ein Arrangement endlich erreichter Bürgerlichkeit böte. Was mit Beck und dem Kind geschieht, bleibt dem Nachsinnen des Lesers überlassen. In dieses Nachsinnen wird Bewunderung einfließen nicht nur über die Inventionsgabe des Romanautors, sondern auch über die Souveränität, mit der in der bezwingenden Einfalt eines Zwiegesprächs die Stiltönungen gewechselt und die Erzähltempi variiert werden, das Triviale eingefangen und Ernstes berührt ist, doch zugleich mit der Heiterkeit humoristischer Einschübe versetzt erscheint.
Der Roman präsentiert Sensationen der Erfahrung, ohne sich auf die Anreihung des Beliebigen zu beschränken oder als verkappter Egotrip eines Literaten zu entlarven. Was Eigner gelingt, macht den Rang guter Prosa aus: die distanzierte Wahrnehmung von Figurenwelten und zugleich eine keusch verhaltene Hingabe an die Frage, wie denn zu leben sei.