Ein „mordstoller“ Typ

Untaten eines Genies: Eigners neuer Held. Von Leopold Federmair. Die Presse, Wien, 19.10.1996. Wie in „Brandig“, dem 1985 erschienenen großen Roman Gerd-Peter Eigners, ist auch in seinem neuen Buch ein erzählend-erzähltes Doppelgespann am Werk. Der Angepaßte bewundert den Außenseiter, der realisiert, was er selbst sich allenfalls zu wünschen wagt. Der Außenseiter wiederum ist auf den Angepaßten angewiesen, um bestimmte Klippen des praktischen Lebens bewältigen zu können. Vor allem aber bedarf die Hauptfigur eines Alter ego, das ihr die Möglichkeit gibt, ausgiebig zu sprechen, sich zu entfalten und im rechten Licht zu erscheinen. Redderich, der Freund, der die Übersiedlungsfahrt von Paris nach Deutschland mit musikalischer Untermalung durch Gesualdo da Venosa auf sich nimmt, hat vor allem erzähltechnische Funktion. Die Geschichte aber, die erzählt wird, dreht sich ausschließlich um Beck, diesen „tollen Typ“, wie ihn Redderich schon zu Beginn, wenn auch mit Fragezeichen, tituliert.
Den Eindruck eines tollen Typs hat genaugenommen Redderichs Frau, und die Art, wie sie ihn zum Ausdruck bringt, klingt irgendwie anzüglich. Leider erfährt man im Verlauf des Romans nicht, ob was zwischen Beck und ihr war. Man merkt jedoch, daß Beck durchaus ein Frauenheld ist, mit allen Zerknirschungen, die Frauenhelden bisweilen überfallen. Er hat viele Frauen, viele Bücher (in seiner winzigen „Chambre de bonne“ über den Dächern von Paris) und viele Wörter, die er ausgiebig einsetzt (Redderich, der Erzähler, gleicht ihm darin aufs Haar). Jedes Stück aus seiner Lebensgeschichte wird mit größter Obsessivität erzählt, ob es sich nun um Ereignisse, Konflikte, Beziehungen oder um die Wahrnehmung anderer Personen handelt. Die Spannung, die durch sehr bewußt kalkulierte An- und Vorausdeutungen erzeugt wird, koexistiert mit einer barocken Sprache, die den Leser beschweren könnte, wäre da nicht das andere Element der Romankonstruktion. Oder die Sätze erfreuen den Leser, denn sie sind auch Erkundungsfahrten in literarisch wenig erschlossene Bereiche des Alltagslebens.
Es gibt in „Lichterfahrt mit Gesualdo“ eine zentrale Stelle, an der Eigner Beck über die Musik als Kunst reflektieren läßt. Gesualdo da Venosa, der das Patronat über den Roman hat, ohne darin eine allzu große Rolle zu spielen, hatte im 16. Jahrhundert seine Frau und vielleicht sein Kind umgebracht, um danach ein höchst merkwürdiges und heute wieder geschätztes kompositorisches Werk zu schaffen. Beck nimmt diese Tatsache zum Anlaß, die Sublimationstheorien Freuds und Adornos zu durchleuchten, Caravaggio und Jean Genet als „rechtgläubige und bedächtige Buben“ zu bezeichnen und seine eigene Theorie kunstschöpferischer Tätigkeit zu präsentieren: „Hier ist doch die Untat unabdingbare Voraussetzung des Kunstakts, abgedungen ist nichts und wird nichts. Oder wollen wir uns immer alles nur abhandeln, sublimieren, erledigen, mithin: ersetzen lassen? Erst zuschlagen und wüten, meucheln, brandschatzen, verwüsten und rächen, um Raum zu schaffen für die Schuld, die ohnehin - ohne uns mehr noch als mit uns - in der Welt ist. Und dann der Welt ein Licht (will heißen: das Werk) aufsetzen, in diesem Falle ist es eines, das leuchtet bis heute.“
Bedenkt man, daß Beck als Geiger ein Gescheiterter ist und auch mit seinem musikgeschichtlichen Werk wenig .Erfolg hat, versteht man auch die Ironie, mit der der Autor die Verbalarabesken seiner Hauptfigur zu überziehen versteht. Beck, der potentielle Mörder, Verführer, Entführer, ein toller Typ, eine Lichtgestalt? Auf alle Fälle eine Herausforderung für den wohlmeinend-emanzipierten Durchschnittsbürger...
Das Licht geht vom Werk aus nicht von Beck, nicht von seiner Freundin Kristina, der Sängerin, oder von Redderich, seinem Getreuen. Eigners neuer Roman funkelt im Vergleich zu früheren Arbeiten durch einen Zuwachs an ironischer Infragestellung, durch schlankere Redeflüsse und durch eine ausgewogene Komposition.