Über »Lichterfahrt mit Gesualdo«

Von Ulrich Faure. Rheinischer Merkur, 25.10.1996. Viel passiert eigentlich - zumindest für den oberflächlichen Leser - nicht in Gerd-Peter Eigners neuem Roman „Lichterfahrt mit Gesualdo": Zwei Männer fahren auf nächtlicher Autobahn von Paris nach Münster, auf dem Notsitz ein zweijähriges Kind, das den ganzen Roman über schläft. Die beiden Männer, Redderich und der ehemalige Orchestergeiger Beck, unterhalten sich die ganze Fahrt über. Besser: Beck erzählt.
So die äußere Handlung des Romans, die sich von den früheren Werken Eigners („Golli", „Brandig", „Mitten entzwei") in seiner Grundstruktur und, ja, Einfachheit unterscheidet. Keine verschlungenen Motivstränge, keine vertrackt verschachtelten Ebenen. Tatsächlich? Der Text hat eine gewisse Leichtigkeit, aber auch Intensität, und begibt man sich nur tief genug in ihn hinein, hört man das Rumpeln des Dieselmotors und riecht förmlich, wann die Windeln des Kindes gewechselt werden müssen. Aber da haben wir sie auch schon, die verschiedenen Klangfarben des Textes, geführt wie die Stimmen eines Madrigals: die unaufhörliche Fortbewegung als Kontinuum, Becks Erzählung als treibende Melodie, Redderichs Gedanken und spärliche Einwürfe als zweite Stimme, die sich hin und wieder verliert, nie aber abhanden kommt.
Obwohl wenig passiert, kommt man nicht los von diesem Buch. Denn nach und nach dämmert es einem: Beck, der seine ekstatische Liebesgeschichte mit der viel jüngeren Kristina erzählt (und eben dieses Bis-an-die-Grenze-Gehen verbindet ihn mit den Helden der früheren Bücher Eigners), entführt dieses Kind.
Mitgehört werden muß beim Lesen dieses Romans eine weitere Stimme, und zwar die des Don Carlo Gesualdo, der nicht zufällig im Titel steht. Dieser große italienische Madrigalkomponist hat, bevor er es wurde, Ehefrau und Nebenbuhler eigenhändig ermordet, in .Anwandlung von wohlüberlegt rächendem Allmachtswahn und sühnegestaltendem Liebes- und Eifersuchtsschmerz", um sich für den Rest des Lebens „in die allerengsten und alleräußersten Ketten" zu legen, nämlich die „der Kunst, in der allein Freiheit ist, weil sie bis zur Selbstauslöschung räuberisch dient der Schönheit". Die Untat also als „unabdingbare Voraussetzung des Kunstakts"?
Beck, der Erfolglose, schreibt gerade über Gesualdo. Ist es der Mangel an Erfolg, der ihm freie Hand gibt, so zu handeln, wie er handelt? Ohne Rücksicht auf die Strafgesetze?
Denkt man alle diese Stimmen und Überlegungen zusammen, wandelt sich der äußerlich so harmlos daherkommende Roman zu einer Provokation, wie man sie von Eigner kennt. Wieder geht es dem Autor um Grenzerfahrungen, wieder zeigt er sich störrisch gegenüber dem Mainstream der Literatur – auch in diesem Buch darf man den Wörtern hinterherschmecken. Vielleicht ist Eigner deshalb nicht, wie man 1978 bei Erscheinen seines Debütromans „Golli" mutmaßte, zu einem neuen Star geworden. Dazu fehlt ihm einfach die Glattheit. Dazu hat zuviel Bedeutung, was er schreibt.