»Golli«

7. Kapitel

Siebente Nacht. Heute war Golli da. Ich merkte ihm schon an der Haustür an, daß über seine mir schon längst vertraute fahrige Verschlossenheit bei der Begrüßung hinaus etwas nicht mit ihm stimmte. Golli Zwar drückte er den Klingelknopf, sofern man da überhaupt noch von Drücken reden kann, wie üblich derart zögernd oder auch verhalten hastig (ich selbst habe es mir verboten, ihn - wie Edda etwa - vom Wohnzimmer hinter der Gardine aus bei der Ankunft in Augenschein zu nehmen), daß der normalerweise geradezu unbändig auf die Glocke schlagende Klöppel des Klingelmechanismus im Eingangsflur nur einen Anflug von elektrischem Impuls erfährt und zu einem einzigen winzigen Zucken gegen das freischwingende Glockenmetall gebracht wird, ich möchte sagen, vergleichbar nur dem zurückgenommenen Druck auf eine Schreibmaschinentaste, wenn ich noch während des in Bruchteilen von Sekunden vorgenommenen Niederdrückens der Taste mehr spüre als weiß, daß es die falsche ist für das beabsichtigte Wort, und somit zwar den Wagen der Maschine um einen buchstabenbreiten Schub weiterbefördere, auf dem Papier aber kaum mehr als den Schimmer eines (zumeist eben falschen) Buchstabens bewirke - über den ich im übrigen dann ohne Radiererei den gewünschten richtigen setzen kann; schließlich handelt es sich doch zumeist um dienstliche oder amtliche Korrespondenz, die formaler Unbestechlichkeit mitnichten bedarf. Golli drückt den Knopf meiner Haustürklingel, als würde ihm noch bei der Berührung seines Fingers mit dem Plastikleuchtstoff bewußt, daß ihm da ein Fehler unterläuft. Nur drückt er schließlich doch. Vielleicht nimmt sein Finger vorher verschiedene Male Anlauf. Irgendwann jedenfalls vernehme ich dieses typische Golliklingeln, das mich schon gar nicht mehr verwundert, zumal ja auch Gollis Besuche, die nicht zu festgelegten Tageszeiten erfolgen, zuvor immer telephonisch mit ihm vereinbart werden. Als ich die Haustür öffnete, stand Golli eigentlich kaum anders da als sonst: halb abgewandt, mich quer mit dem Blick streifend, als streiche er etwas durch. Bin ich denn nichts als ein Buchstabe für ihn? Dieser Blick an der Haustür streift nie den meinen, mein Blick wird übersehen und bleibt gleichsam gültig stehen. Golli also an der Haustür, die zu weiche Hand (könnte ich sie guten Gewissens wabbelig, schwabbelig, schwammig nennen?) zu mir hingestreckt, als gehörte sie nicht zu ihm, sondern einem beauftragten Bittsteller in von ihm selbst für unzumutbar gehaltener Mission, für den Gollis halb verrenkter großer Kopf sich schämt, ja für den sich sein ganzer unförmiger Körper windet und krümmt. Seit an die zehn Jahre das gleiche Verhalten. Ich muß Golli fast hereinziehen zu mir. Er zwingt mir das Gefühl auf Zwang auszuüben. Es gelingt ihm glänzend, mich zu verunsichern. Aber ich trage die vergleichsweise kleine Pein dessen, der einem anderen sein Haus öffnet. Am peinlichsten ist mir noch die Situation während der hier zum Glück seltenen heißen Sommertage, wenn Golli weder Mantel noch Lederjacke trägt, die es ihm, die es uns leichter ermöglichen, die erste massive Stauung von Fremdheit an der Tür zu überbrücken. Heute trug Golli seinen Parka. Ich zog Golli herein, er blieb zunächst quer zu mir stehen wie immer; er erinnert mich, trotz seiner schwerlich sportliche Assoziationen hervorrufenden äußeren Gestalt, doch an Boxer oder Karatekämpfer, wie sie sich mir erschließen auf Pressephotos, mit der in der Körperhaltung lauernden Entschlossenheit, sich dem Gegner zu entziehen ohne wegzulaufen, Kämpfer, die sich hüten, sich dem Gegner frontal zu stellen: eine Schulter vor, sich nicht in Herz und Magen treten lassen, Herz, Magen, Leber, Nieren vom Gegner entfernen - nur dauert bei Golli diese Stellung nicht länger als bis zum Ausziehen von Jacke oder Mantel, er läßt sich, selbst eingedenk seiner außerordentlichen Körperfülle, nicht helfen, nein, er dreht mir vielmehr in einer Art Anwandlung von entwaffnendem Vertrauen plötzlich völlig ungeschützt ganz seinen runden, breiten Rücken zu und kehrt das Gesicht zur Garderobe. Dann folgt er mir nach oben in mein Zimmer. Ich vermeide es, die Türen offenzulassen zur Küche, zum Wohnzimmer, mehr noch: ich sorge für geschlossene Türen. Ich weiß, wie Golli - gerade bei der Ankunft - verschreckt werden kann durch den Anblick Eddas oder meines Sohnes, Edda hat sich einfühlsam auf die vorbeugenden Maßnahmen eingestellt; zumeist ist sie es, die, da sie wieder mal hinter der Gardine stand, schon vor der Andeutung von Klingeln, die von Golli herrührt, alle Türen im Haus, zumindest im Hochparterre, schließt. Mein Sohn jedoch verhält sich, gewiß nicht aus Böswilligkeit, anders. Ihm reißt doch hin und wieder die in sich versunkene Wildheit, mit der er durchs Haus stiebt, die Türen vor Gollis Nase auf. Da lasse ich dann Golli an mir vorbeisteigen auf der schmalen Treppe, ich muß schon sagen, ich schiebe ihn behutsam an mir vorbei und wende mich gleichzeitig auf eine Ungestüm dämpfende Handbewegung meinem Sohn zu. Heute blieben die Türen geschlossen. Es verlief alles wie bedacht, und dennoch: irgend etwas stimmte nicht mit Golli. Es war die Rötung in seinem ansonsten blassen rundflächigen Gesicht. Es wirkte geradezu feist. Die Blässe seiner Haut verringert, das wurde mir heute ungemein deutlich, doch auf verblüffende Weise die tatsächliche Breite seines Gesichts und damit die konturlos erscheinende, in den Haaransatz ausfließende fleischige Größe des ganzen Kopfes. Gollis Kopf hatte heute bedrohlich mächtige Kontur, war gerötete Abwehr, geballte gerötete Abwehr gegen den ihn umgebenden Raum wahrscheinlich - denn gegen mich, wie ich zunächst mutmaßte, wehrte sich dieser Kopf nicht. Auch dachte ich zunächst, Golli habe getrunken, weiß ich doch, daß er sich in letzter Zeit nicht selten in den Kneipen herumtreibt. Nun habe ich allerdings in meinem beengenden Garderobenflur keine Schwierigkeiten festzustellen, wie es um ihn steht; selbst wenn er mir den Rücken zukehrt entwaffnend, stehe ich so dicht bei ihm, daß sein schwerer gegen die Garderobenwand gestoßener Atem noch über den Aufprall zu mir reicht. Nein, Golli hatte gewiß nicht getrunken, sein Atem beförderte keinen bitteren Geruch, und auch im Verlauf der Stunde stellte er sich in der ihm eigenen, unwahrscheinliche Nachrichten erzeugenden Nüchternheit dar - der Nüchternheit dessen, der in den unheimlichsten Erschütterungen heimisch geworden ist. Hatte er mich auch nicht angesehen an der Haustür, so hatte ich doch immerhin wahrgenommen, daß die Rötung seiner Gesichtshaut bis hin in die Äderungen der Augäpfel reichte. Als er oben, hier oben, anfing zu sprechen, verschwand die Rötung aus den Augen, verschwand mit einem Schlag. Hatte Golli vorher geweint? Auf jeden Fall war er aufs höchste erregt, bei aller Nüchternheit in Diktion und Sprechweise aufs höchste erregt, selbst als die Rötung aus seinen Augen schon längst verschwunden war. Und es dauerte eine ganze, überaus langgezogene Weile, bis er zu der über die Jahre hin erarbeiteten Uberlegenheitsgestik, ich möchte sagen, seiner sanften Kaltschnäuzigkeit, die sich sichtbar mit ausgesprochen breiter Lässigkeit auf meiner Schlafcouch umgibt, zurückfand. Diese ganze Weile aber dauerte so lange wie die rätselhaften Nachrichten über die Schwäne. Wenn Golli über die Schwäne spricht, von ihnen berichtet, ist er erregt. Wenn die Schwäne wieder wichtig werden für ihn, bin ich beunruhigt. Gollis Bewunderung für Schwäne, wenngleich zwiespältig, kennt keine Grenzen. Die Faszination, die Schwäne auf Golli ausüben, hat etwas Unheilvolles. Ich weiß, daß Golli oft schon Stunden vor dem vereinbarten Termin in dieser Gegend auftaucht. Auch heute hatte er offenbar wieder mal einen frühen Mittagsbus aus der Innenstadt, wo er mit seiner Mutter lebt, genommen, war offenbar drei Haltestellen vor der meinem Haus am nächsten gelegenen ausgestiegen und hatte offenbar den kürzesten Weg zum Haupteingang des Stadtparks eingeschlagen. Es war nicht das erstemal, daß er sich für diesen erfrischenden Parkspaziergang entschied, eine unbedingt lobenswerte Entscheidung, meine ich, und zwar in zweifacher Hinsicht: Golli braucht Bewegung, um nicht zu sagen - körperliche Ertüchtigung. Seine überbordende Unförmigkeit bedarf einer Kontrolle und einer Kontur, einer Hoffnung also insofern, als er sich durch konsequentes Ausschreiten das Gefühl der Beherrschbarkeit seiner Körpermasse vermitteln und infolgedessen die tiefe Betrübnis über seine unglückliche Physis Schritt für Schritt und mehr und mehr hinter sich lassen kann; diese Physis, deren Unglück gerade in der betonten Lässigkeit, mit der er seinen Bauch seitlich auf meine Schlafcouch fallen läßt, (um sich selbst sozusagen über diesen zu werfen, damit er meinen Augen so gut wie möglich vorenthalten bleibt) immer wieder so erschütternd zum Ausdruck kommt. Wochentags am frühen Nachmittag sind wenige Menschen im Stadtpark, ein paar Alte, denen die eigenen Gebrechen nicht selten einen Stock aufzwingen, einen Stock, auf den sich Belustigung über einen fetten jungen Mitmenschen zusätzlich kaum stützen lässt; hängt sich aber ein Mitleiden für Golli in die trockenen, schlaffen Gesichtsstränge von Alten, dann ficht das - soweit ich ihn kenne - Golli nicht an, denn solches Mitleiden nimmt er gewiß für Selbstverachtung (sicher nicht zu Unrecht, ist er doch erstaunlicherweise mit seinem schwankenden, plattfüßigen Schritt weitaus raumgreifender als jene). Das Laufen tut Golli gut. Die Luft ist sauberer als anderswo im Stadtpark. Hat Golli den Stadtpark, in dem die Autos verboten sind, in aller unbehelligten Befreiung durchmessen, ist es nicht mehr weit bis zu meinem Haus. Und da bin ich auch schon unversehens bei der zweiten Hinsicht, in der ein Parkspaziergang mir für Golli durchaus lobenswert erscheint: Ein einsamer Parkspaziergang bietet doch größere Gewähr für die nötige geistige Aufgeräumtheit, mit der Golli sich mir, wie ich glaube erkannt zu haben, nach eigenem entschiedenen Willen stellen möchte als Partner im Gespräch, als etwa eine Busfahrt, bei der die vielen gedrängten Blicke an seiner ausladenden Fülle haften wie kalter Schweiß, der ihm noch im Gesicht steht, wenn ich ihm die Haustür öffne. Auch die Besuche in der Gaststätte drüben an der Verbindungsstraße scheinen mir dem eigentlichen, von mir als willentlich erkannten Absichten Gollis zuwiderzulaufen, es sei denn, es bleibt ihm die Zeit, ein wenig zu schlafen in der katholischen Pfarrkirche, oder er kommt so spät an sein Glas, daß ihn der Rausch bis zu Beginn unserer Stunde nicht mehr in seine tröstenden Arme nehmen kann. Ja, ein Spaziergang durch den Stadtpark ist für jemanden wie Golli eine große selbsttherapeutische Tat. Stürzt er dort über sich selbst mit seinem Gewicht, so stürzt er allein und er wird aufstehen müssen allein. Und sollten gerade andere zugegen sein, die Alten, so werden die sich hüten, hilfsbereit ihre Schwäche anzudienen angesichts der Macht dieses Sturzes. Zur Lächerlichkeit entstellt sich sogleich, das ist ja der schmerzhafte Schluß, jedes Zartgefühl für dieses Gebirge von Menschen. Golli wird sich selbst helfen. Golli wird über seinen Körper hinauswachsen. Golli kann nur in einem Park über sich hinauswachsen. Doch heute, wie gesagt, heute stimmte etwas nicht mit ihm. Er fing gleich zu Beginn unserer Unterhaltung von den Schwänen an. Zwar ist mir durchaus bewußt, daß mein Plädoyer für einen Parkspaziergang, unternommen von einer Existenz wie Golli, sozusagen als Körpertraining und Vorbereitung für ein Gespräch mit mir, seine volle Berechtigung und - möchte ich doch meinen - auch seine Schlüssigkeit hat, ja, für eine Existenz wie Golli - aber nicht für Golli selbst. Denn wenn Golli in den Stadtpark geht, dann geht er wegen der Schwäne. Und war er im Stadtpark, dann kommt er immer (sofern er nämlich auf die Schwäne stieß - und die findet er eben immer dort vor), dann kommt er also aufs höchste erregt bei mir an. Und ich muß versuchen ihn zu beruhigen, indem ich schweige. Ursprünglich sollte ich sein Lehrer sein. Golli ist heute wieder auf die Schwäne getroffen. Er hat sie wieder beobachtet. Er beobachtet mit Leidenschaft die Schwäne. Golli sagt, die Schwäne lägen ihm. Schwimmend seien Schwäne schön, im übrigen eine geschmackliche Verirrung der Natur, ein durch weiß der Teufel welche genetische Kurvenführüng hervorgerufener Evolutionsunfall, ein Unding schlechthin. Die Schönheit der Schwäne stehe in einzigartigem Widerspruch zu ihrer Häßlichkeit, sagt Golli. Die Schwäne seien in sich gleichsam diametral angelegt, nicht weniger gegensätzlich strukturiert wie die Konsistenzen von Wasser und Erde. So sei denn auch bezeichnend, daß die Schwäne schön seien auf dem Wasser, häßlich jedoch auf dem Land. Beides interessierte ihn, sagt Golli. Sehen Sie sich einen auf dem Wasser gleitenden Schwan an, sagt er, die Grazie des schlanken Halses auf dem vollen weißen Leib, diese betörende Wölbung, weich angeschnitten von der Wasseroberfläche, darunter ist man auf Vermutung angewiesen, die Werkzeuge der Fortbewegung durch die Spiegelung des Wassers den Blicken entzogen, ja, dies ebenmäßige Gleiten des Schwans läßt daran zweifeln, ob er selbst es ist, der die Bewegung bewirkt, er wird vor unseren Blicken bewegt ohne den schnöden Einsatz eigener Kraft, sagt Golli; demgegenüber ein Schwan an Land, sehen Sie sich diesen behäbig wackelnden Körper an, diese vom Gefieder nur unzureichend kaschierte Inkarnation von Plumpheit, aufdringlich dimensioniert, völlig entstellend proportioniert mit den dünnen Beinchen, die in breit watschelnden Latschen stecken, mit dem Hals weiß er nicht wohin, der torkelt unkoordiniert im Rhythmus der alles Gras plattwalzenden zähen Häute zwischen den Krallen oder Zehen, wer weiß, was solls. Jedesmal, wenn Golli im Stadtpark bei den Schwänen war, macht er mich - nach den mir seit Jahren geläufigen, immer wieder einleitenden ästhetischen Bemerkungen über die außerordentliche anatomische Unausgeglichenheit von Schwänen - mit neuen Entdeckungen vertraut, die er im Verhalten der Schwäne hat beobachten können. Ich weiß nicht, nach welchen außerästhetischen inneren Grundsätzen Golli beobachtet, ich weiß nur, daß er immer ohne Begleitung auf Beobachtungsposten rückt, und so bin ich den durchweg präzisen Schilderungen unwahrscheinlichsten Schwäneverhaltens wehrlos ausgeliefert. Denn zöge ich auch nur ein Wort in Zweifel (und Worte in Zweifel zu ziehen ist eine unserer Hauptbeschäftigungen, seit wir uns kennen), zöge ich ein Wort in Zweifel, wenn es um Gollis Schwäne geht, stürzte ich ihn, der so dicht am Rand der Verzweiflung beherbergt ist (was sage ich?), der auf schmalstem Grat in Unwettern irrt und nach kärglichsten Unterschlüpfen Ausschau hält, unweigerlich in einen Abgrund von Selbstverlust. Ich weiß es. Ich erinnere mich. Er bricht in Tränen aus auf ein Wort, er schüttelt sich, das massige Fleisch unter dem Rollkragenpullover von den Schultern abwärts drängend, in Krämpfen Welle auf Welle eine ungeheure Körperdünung erzeugend; er hat Erstickungsanfälle. Als ich noch nichts über Gollis seltsame, um nicht zu sagen geheimnisvolle Beziehung zu Schwänen wußte, als ich gerade anfing zu ahnen, daß ein Zusammenhang bestehen mußte zwischen der die Norm der Fahrigkeit und Nervosität, mit der Golli sich zu Beginn eines jeden Gesprächs mitteilt, bevor er schließlich in seinen wissenschaftlich anmutenden Tonfall findet, - zwischen der die Norm also übersteigenden Erregung nach den Stadtparkspaziergängen und dem Gegenstand seiner sinndunklen, aber durchweg präzisen Schilderungen, nämlich den Schwänen, habe ich Golli, ohne zu wissen, was ich anrichte, einmal, aber auch nur ein einziges Mal, in einen solchen Zustand gestürzt. Ich werde das nie vergessen. Dabei fing das damals, vor Jahren, ganz spielerisch an. Golli hatte mich gefragt, wie ich zur Natur stünde, sozusagen, wie mein Verhältnis zur Natur sei. Nun ja, werde ich wenig geflissentlich geantwortet haben, da läßt sich drüber reden. Golli hatte weitergefragt; ob ich beispielsweise gelegentlich in den Stadtpark ginge. Selten, hatte ich geantwortet, denke ich, denn der Deich war mir doch seinerzeit nicht nur topographisch näher als der Park. Ob ich die Schwäne im Stadtpark kennte. Gewiß. Ob ich wüßte, wie viele es sind. Keineswegs, wie sollte ich, wer zählt schon die Schwäne in einem Park. Golli nannte mir damals die Zahl, ich hab sie vergessen, sie wird im übrigen heute eine andere sein, eine höhere wahrscheinlich, denn über die Zahl der Schwäne im Stadtpark ließ sich Golli seit geraumer Zeit nicht mehr aus; es hat jedoch Zeiten gegeben, zu denen sich Golli angesichts dessen, was er selbst nicht ohne eine böse Heiterkeit in der Stimme den progressiven Geburtenrückgang der Schwäne nannte, des öfteren zu deren bedrohlich sich verringernden Zahl äußerte. Nun, damals, bei meiner - wie sich herausstellen sollte - so überaus ungeschickten zweifelnden Fragerei, hatte ich von der Zahl der Schwäne im Stadtpark ebenso wenig gewußt wie heute. Golli seinerseits aber hatte weitergefragt, damals, ob ich schon mal den Schwan mit den roten, den leuchtendroten, den leuchtendkarminroten Augen bemerkt hätte, diese bedeutende absolute Ausnahme von der Regel. O nein, hatte ich sicherlich ketzerisch, wenngleich, wie ich mir zugute halten muß, ohne jede böse Absicht geantwortet: den habe ich noch nicht ausgemacht, gibt es denn überhaupt...? So ungefähr hatte ich angefangen zu zweifeln, aber Golli hatte mir das Wort abgeschnitten. Genau dieser, hatte er heftig ausgestoßen, dieser mit den leuchtendkarminroten Augen habe sich auf dem großen Stadtparkteich, nicht auf dem Kanal zu dem kleineren (ich erinnere mich, als wäre es heute, an diesen verzögernden zeitschöpfenden Beschreibungs-schlenker, der Golli instand setzte die Vergegenwärtigung der Situation auch für mich eindrucksvoll zu gestalten), genau dieser habe sich aus einer Gruppe von Schwänen abgesetzt, sozusagen aus dem Pulk gelöst, und sei auf ihn, Golli, der unter den Pappeln hockte, die den Teich säumen, zugeschwommen, schön wie er war, bewegt von fremder Hand, sei im Schilf, das den Teich einfaßt, zum Stillstand gekommen - sichtbar nur noch der Kopf und weiße Streifen vom Hals zwischen den schlanken Blättern - und habe ihn, Golli, eindringlich angesehen mit seinen roten roten Augen. Ich hatte Golli unterbrechen wollen, denn ich hätte mir in meiner damaligen naiven Neigung zur Haarspalterei doch gern etwas mehr Gewißheit verschafft über den Einsatz des Schwäneblicks: ob etwa abwechselnd mit beiden roten Augen oder wie? Aber Golli war schneller, Golli war gepackt, heute weiß ich es ja. Und wissen Sie, was dann geschah? hatte er überstürzt gefragt? Natürlich fand ich keine Antwortlücke für ein beschwichtigendes: Nein - oder: wie sollte ich. Der Schwan, sagte Golli, der Schwan lächelte mich an. Wenn ich mich recht erinnere, fiel sogar das Wort: herzzerreißend. Daraufhin hatte Golli schroff geschwiegen. Ich hatte damals, glaube ich, ein andächtiges Weilchen abgewartet, dann aber doch meine Zweifel angebracht. Zunächst: womit der Schwan ihn denn angelächelt habe, mit den roten Augen (die Frage, ob mit einem, mit beiden abwechselnd oder wie auch immer, war mir inzwischen zweitrangig geworden) oder mit dem Schnabel. Er lächelte mich an, hatte Golli steif und fest erwidert, er lächelte mich an. Basta. Ja, ich erinnere mich, daß mich damals dieser störrische Ton störte, diese kindliche Bockigkeit, die er mir gegenüber nie an den Tag gelegt hatte; aber ich wußte noch zu wenig von ihm. Ich erwiderte denn auch meinerseits mißmutig, die ganze Story erschiene mir doch recht unwahrscheinlich, abgesehen von den roten Augen, mag ja Tiere geben, wer weiß, was für auserwählte Kreaturen, die zu lächeln, wenn nicht gar zu lachen verstehen, aber Schwäne? Und dann: Lächeln in eine bestimmte, sagen wir, willentlich eingeschlagene Richtung? In Richtung auf unsereins auch noch, auf mich oder auf Sie, Golli? Ziemlich unwahrscheinlich. An diesem Punkt - oder war es noch eher? - hatte Gollis Körper eine gewaltige Erschütterung erfaßt, und es war zum Zusammenbruch gekommen. Es war die Hölle, auch für mich, ich übertreibe nicht. Ich weiß heute nicht mehr, wie es mir gelungen ist, mich - da drücke ich mich gewiß sehr verhalten aus - so glimpflich aus dieser heiklen Affäre zu ziehen, wie es mir gelungen ist, Golli wieder aufzurichten und - was mir heute geradezu wie ein Geschenk vorkommt - ihn mir nach allem als Schüler zu erhalten. Nachdem ich einmal diese bittere Erfahrung mit Golli gemacht hatte, habe ich mich gehütet, seine Erlebnisse mit den Schwänen ihm gegenüber in Zweifel zu ziehen. Ja, heute, da ich Golli kenne, wie wohl kaum einen zweiten, kämen mir Zweifel rechthaberisch, ich möchte sagen, geradezu absurd vor. So habe ich mir denn auch zusätzliche Auskünfte über die Schwäne gänzlich versagt und die kleinen rhetorischen Überheblichkeiten, die sich zu Anfang, d. h. nach dieser ersten unglückseligen Begebenheit, immer noch mal unwillkürlich Bahn brachen, wohl mittlerweile völlig nicht nur aus meinen Absichten, sondern auch meinem Verhalten getilgt. Ich nehme Golli ernster denn je. Was er mir heute zu berichten hatte aus dem Stadtpark, war meiner größten Aufmerksamkeit sicher und wert. Er hatte sich hier oben in meinem Zimmer wieder auf die Couch geworfen und mühsam versucht, seinen Bauch, gleichsam den ganzen unförmigen Körper unter sich zu verbergen, bis er sich nach wenigen tiefen Atemzügen selbst an den Grund seiner außerordentlichen Erregung zu erinnern schien, sich aufrichtete zum Sitzen und mich zum erstenmal, seit er da war, ansah. Die verräterische Rötung in seinem Gesicht pulsierte noch bis in die Augäpfel. Und Golli berichtete. Er habe am Nachmittag auf dem Steg des Bootshauses gesessen. Die Schwäne, einige, nicht alle, hätten in der Nähe im Wasser gelegen, reglos wie Seerosen. Nur zwei der Schwäne, mittendrin in der Gruppe, hätten angefangen sich irgendwie neckisch oder kosend zu schnäbeln. Das habe er natürlich nicht zum erstenmal beobachten können. Es sei so still gewesen rundherum, daß er das Geräusch der sich aneinander reibenden Schnäbel gehört habe wie Holz - ein hellerer Klang als der von den Bordwänden der Ruderboote erzeugte, die zu seinen Füßen sachte gegeneinanderstießen. Und da passierte es: während die übrigen Schwäne anfingen, langsam um die zwei sich schnäbelnden herumzuziehen, vereinigten sich die beiden weißen Köpfe zu einem. Er sei ganz sicher, sagte Golli, daß einer der beiden sich mit trügerischer Zärtlichkeit reibenden Schwäne plötzlich des anderen Kopf bis zum Ansatz des langen Halses gepackt, mit dem Schnabel gepackt und geschluckt habe, wenigstens bis zum Kropf geschluckt; jedoch habe er nicht ausmachen können, wer wessen Kopf geschluckt hatte, überhaupt, sei der ganze Vorgang irrsinnigerweise in höchster Ruhe vonstatten gegangen, zwar hätten sich zwei Schwanenhälse mit einem Kopf, der beiden Hälsen zu gehören schien, im Kreise gedreht wie ein langsam auspendelndes Kettenkarussell, im Kreise wohlgemerkt in entgegengesetzter Richtung wie die übrigen Schwäne, die um die beiden Hälse mit dem einen Kopf herumzogen, aber es war wirklich nicht zu erkennen, sagte Golli, wer wen gepackt und geschluckt hatte. Die beiden Hälse mit dem einen Kopf seien schließlich zum Stillstand gekommen und gemeinsam im Wasser versunken. Ich habs genau gesehen, das jedenfalls hab ich genau gesehen, sagte Golli, die Hälse machten eine Art Spagat und im Schritt versank der Kopf, zwischen den Beinen sozusagen, ich weiß wirklich nicht, wer wen gepackt, wer wen geschluckt hatte. Das Furchtbare war, daß die beiden Schwäne nicht mehr auftauchten. Ich bin um den Teich herumgestürmt wie ein Verrückter, von allen Seiten habe ich die Stelle, an der sie versunken waren, begutachtet. Die anderen Schwäne zogen in alle Richtungen davon. Ich habe keine Sekunde die Stelle aus den Augen gelassen, ich sage Ihnen, sagte Golli, die beiden waren weg, die kommen nicht mehr wieder, jetzt sind es zwei weniger. Mit diesen Worten hatte Golli seine übliche Gesichtsblässe wiedergefunden; ich hatte sein Erlebnis zur Kenntnis genommen. Ich zog nichts in Zweifel, nur äußerte ich Erstaunen über die Stille im Stadtpark, hier, kaum zwei Kilometer entfernt vom Bootshaus im Stadtpark war der Wind wie immer gewesen, er ließ nicht nach. Er zerrte an der Dachrinne. Im Stadtpark hätten die Bäume, wiewohl das Laub schon überwiegend gefallen war, doch einiges Geräusch verursachen müssen. Das sei richtig, sagte Golli, jedoch sei das Geräuch, das der Wind in den Bäumen verursacht, so hoch gewesen, daß von ihm nichts zu vernehmen war auf der Ebene, auf der er sich selbst befand mit den Schwänen. Das leuchtete mir ein, und ich verschwieg es Golli auch nicht. Ich sagte ihm, daß er mich mit seinen Beobachtungen nachdenklich gestimmt habe. Mehr als Beobachtungen, sagte Golli, Erfahrungen. Ja gewiß, Erfahrungen, sagte ich. Es entstand eine kurze Pause. Dann sagte Golli, indem er wie in endgültiger Ermüdung die Augen schloß: Sie sind wie ein Vater zu mir. Das mag ich nun gar nicht hören. Golli ist mehr als ein Sohn. Golli ist eine Herausforderung.