In die Nacht hinausgehorcht

Ein bemerkenswertes Debüt: Gerd-Peter Eigners Roman „Golli“. Von Jens Jessen. Frankfurter Allgemeine Zeitung , 6. Juli 1978. Schon öfter hat er Nächte am Schreibtisch verbracht, in die Dunkelheit hinausstarrend, Zahlen malend: „Ich habe schon immer Zahlen gemalt, wenn mich nicht gerade jählings jenes Erschrecken überfiel, in dem sich vor meinen Augen im matten Dunkel der Fensterscheibe die unendlich ruhelose Allgegenwart des Windes als das Spiegelbild meines Kopfes versteinert“
Jetzt aber hat er angefangen zu schreiben, und die am Schreibtisch verbrachten Nächte sind zur Regel geworden. Zahlen malen hilft nicht mehr, „jenes Erschrecken“ ist zur Grundbefindlichkeit seines Daseins geworden. Gegen die „ruhelose Allgegenwart des Windes“, Ausdruck „eines unendlich Vielen, das in seiner immensen Bedrohung überhandnehmend, das Leben der Menschen zerstört“, sucht er die schreibende Reflexion zu setzen.
Das Vertrauen in die Ordnung stiftende Macht seines Faches hat der Mathematiklehrer verloren, die Zahl, Symbol einer überlegen kalkulierenden Vernunft, versagt vor dem Chaos, das „unendlich Viele“ übersteigt jede Kategorie. Eine Rettung vor dem drohenden Selbstverlust sieht er nur in der Möglichkeit, sich schreibend der „Wirkung des Windes auf meinen Kopf“ bewußt zu werden und sie in der Bewußtheit aufzuheben.
Doch wie gelingt das? Indem er Nacht für Nacht darüber nachsinnt, über die Ausgeliefertheit an die sinnlose „Willkür der Erscheinungen“, über die Gefährdung der Identität, über sein Nachsinnen als Widerstand, wird dieses Nachsinnen über die Sinnlosigkeit zu einem Akt der Sinnstiftung. „Die vom Wind verursachten, über die Haarwurzeln in den Kopf eindringenden Geräusche ... erzeugen... Bildkomplexe“: Angefangen von dem Wind selbst, dessen ständige Gegenwart in Küstengebieten ein natürliches Bild der Bedrohung abgibt, werden alle Erscheinungen in der näheren und ferneren Umgebung des Schreibers zu Ausdruck und Zeichen umgedeutet.
Das Haus und der Deich, die Möwen und die Handwerker, der Stadtpark und die Schwäne, die Mathematik und der Schreibtisch, alles wird als Symbol und Bedeutungsträger auf seine innere Situation bezogen. Haus und Deich sind Zeugnisse der lächerlichen Anstrengungen der Menschen, sich vor dem Einbruch des Chaos zu schützen, die „Allgegenwart des Windes“ und die häßlichen Schreie der Möwen sind Widerlegung und Spott ihrer Wirksamkeit. Lächerlich überhaupt ist der Menschen Betriebsamkeit, die aufdringliche Sorglosigkeit ihres Schlafes, Zeichen, daß sie schon krank sind vom Wind, ohne seine Gefährlichkeit wahrhaben zu wollen.
Ein immer dichter werdendes Netz geheimer Sinnbezüge und unterlegter Bedeutungen verknüpft die Phänomene seines Alltags; noch glaubend, dem Eindruck von Chaos und Sinnlosigkeit in einsamer Bewußtheit standzuhalten, ist er schon ausgewichen in den Schutz eines Wahnsystems. „Alle leiden unter dem Wind, und ich muß den Wind für alle beschwören.“ Die Protokolle seiner durchwachten Nächte werden zu einem erschütternden Dokument des menschlichen Willens zum Sinn: eines Willens zum Sinn, der in der paranoiden Schizophrenie triumphiert.
Der Kugelschreiber, mit dem er seine Aufzeichnungen vornimmt, ist ein Geschenk Gollis, jener Figur, die dem Roman seinen Titel gegeben hat: ein geistesgestörter junger Mann, der dem Lehrer als Schützling anvertraut wurde, in der Hoffnung, er werde einen heilenden. Einfluß auf ihn ausüben.
Das war zehn Jahre vor dem Einsetzen der nächtlichen Protokolle, und es scheint, als sei ihm just zu dem Zeitpunkt das schizophrene Gedankengebäude seines Schützlings verständlich geworden, als in ihm die krisenhafte Überzeugung die Oberhand gewann, mit den Mitteln der Ratio dem bedrohlichen Sinndefizit der Welt nicht mehr begegnen zu können. So hat er nicht Golli den Weg aus der Geisteskrankheit, sondern Golli hat ihm den Weg hinein gewiesen: indem er seinen Blick auf die wunderbaren, alle Leiden am Chaos heilenden Sinnstiftungen lenkte, die die Paranoia dem Schizophrenen eröffnet.
Das Schreiben ist ein Geschenk der Geisteskrankheit. Gerd-Peter Eigner hat mit seinem ersten Roman eine vertrackte Textsituation geschaffen; der Autor tritt völlig hinter die Figur des fiktiven Verfassers zurück: der Text selbst ist Produkt und Manifest einer Schizophrenie. Ursprünglich dichterische Techniken, die uneigentliche Rede, der Gebrauch von Bildern und Metaphern, die Bedeutsamkeit scheinbar zufälliger Details auf einer höheren Sinnebene die motivische Verknüpfung des alltäglich Unzusammenhängenden, werden „zum Ausdruck der pathologischen Bewußtseinslage des fiktiven Verfassers“.
Die bestürzende Sinndichte, des Textes entsteht auf der Flucht vor der sinnlosen Wirklichkeit in den Wahnsinn. Auch die Verrätselung, die darin besteht, daß die sinnstiftendenden Korrelate an der erzählerischen Oberfläche getrennt und unzusammengehörig erscheinen, das Phänomen eines Subtextes, Kennzeichen hochartifizieller poetischer Texte, wird motiviert durch den paranoiden Wirklichkeitsverlust.
Das kunstvolle Sinngefüge eines dichterischen Textes ist hier das Sinngefüge der paranoiden Schizophrenie. Indem aber ein Phänomen, das einem jeden dichterischen Text eigentümlich ist, als Eigentümlichkeit einer Geisteskrankheit erscheint, indem der Sinn im dichterischen Text ein Sinn ist, den der Wahn stiftet, stellt sich die Frage nach der Deutung: inwieweit überhaupt an den Wahn menschlicher Sinngebäude gedacht werden soll, an den Sinn schlechthin als Wahn-sinn.
Ein bemerkenswerter Erstling. Vor allem auch, weil der 1942 geborene Gerd-Peter Eigner, der sich bisher vorwiegend als Hörspielautor vorgestellt hat, die neue Form mit einer gelassenen Souveränität meistert; nichts verrät den Anfänger. Und dann, weil zumindest ein kürzlich vom Bayerischen Rundfunk gesendetes Hörspiel den Autor in einer politischen Richtung vermuten ließ, für die ein grundsätzlicher Erkenntnispessimismus wie der angedeutete erstaunlich wäre.