Komplexes Beziehungsgefüge

Gerd-Peter Eigners Roman «Golli». Von M. Tr.. Neue Zürcher Zeitung, 13.September 1978. Dreiunddreissig Kapitel, der schriftliche Niederschlag von dreiunddreissig Nachtwachen, bilden die Romanstruktur des mit dem Villa-Massimo-Preis ausgezeichneten Erstlings von Gerd-Peter Eigner.* Der Ich-Erzähler, ein Mathematiklehrer mittleren Alters, schreibt Nacht für Nacht seine Erlebnisse auf, gibt sich Erinnerungen hin, reflektiert und spekuliert und vermag doch seiner wachsenden Angst nicht Herr zu werden. Für ihn ist «das einzig unendlich Viele, das noch eine mathematische Evidenz hat, der Wind». Diese und andere fixe Ideen drängen ihn aus beruflichen und familiären Bindungen hinaus; er schliesst sich in seinem Zimmer ein, verweigert die Nahrung und muss interniert werden.
Wäre der Roman «Golli» als realistische Krankheitsgeschichte angelegt, so würde man die differenzierte, makellose Prosa, die der wahnkranke Ich-Erzähler bis zur letzten Zeile schreibt, sicher als Stilfehler des Autors empfinden. Betrachtet man jedoch den Antihelden als Exponenten einer Welt, in der Angst und Vereinzelung sich gegenseitig bedingen, so stimmt alles, und man muss sich betroffen fühlen.
Wer aber ist Golli? Der unförmig dicke junge Mann, der Gott verloren hat und von seinem Vater gequält wurde, sich herumtreibt und trinkt, kommt zu therapeutischen Gesprächen ins Haus. In zehn Jahren entsteht zwischen den beiden Einsamen eine Art Freundschaft. Dann verrät der Professor unter äusserem Druck seinen Schützling und verliert ihn für immer. Aber der im Leser aufsteigende Verdacht, dass Golli keine selbständige Romanfigur, sondern ein abgespaltener Teil der Persönlichkeit des Helden sein könnte, wird vom Autor nicht zerstreut.
In diesem spannenden, mit grosser Präzision abgefassten Monolog eines allmählich im Wahn Versinkenden ist vieles sowohl konkret als auch symbolisch zu verstehen: die verdeckten Positionslichter am Hafen, der Wind, der verletzte Schwan, die räuberischen Silbermöwen, der bierspendende Polizeimeister von nebenan, Hut und Krawatte, Schweissbrenner und Kerzen. Eigners komplexes literarisches Beziehungsgefüge trägt sprachliche Bilder von eigenartigem Reiz.