Zu Anfang ein Endspiel

Ein staunenswerter Erstling. Von Rudolf U. Klaus. Die Presse, Wien, 20./21. Mai 1978. Ein neuer Name auf der deutschen Literaturszene, und der Erstling eines 36jährigen. Das Buch, anders als fast alle anderen, wirkt wie ein Paukenschlag, freilich wie ein äußerst unerquicklicher, schmerzhafter, nachtmahrischer, zutiefst bestürzender, nachhaltig erschreckender Paukenschlag, der den Leser nach erlittenem Schock in sowohl deprimiertem als auch deprimierendem Grübeln hinterläßt.
Der Autor heißt Gerd-Peter Eigner, das Buch, zunächst rätselhaft genug, „Golli“. Eigner wurde während des Krieges in Oberschlesien geboren und lebt — die zweifellos dramatischen, gravierenden Ereignisse und Erlebnisse dazwischen erfährt man nicht — in Bremen („und teilweise im Ausland“). Diese Fremdheit, dies „Eigentlich-nicht-dort-Hingehören“, das Verschlagen- und niemals Heimischwerden dort im Norden, am Meer, im Wind, dürfte die unsichtbare Konstituante dieses seltsamen Schreib-Werks bilden, das sich zwar „Roman“ nennt, aber jedenfalls im herkömmlichen Sinne keiner ist, obwohl man auf der Suche nach einer anderen Gattungsbezeichnung ebenso in Verlegenheit käme.
Am nächsten käme dem vielleicht die Pathographie einer progredierenden Psychose, gespiegelt und geschildert in einer Art Eigendiagnose, denn das präzise verstandesmäßige Erkennen einer schweren seelischen Läsion gehört ja, jeder Psychotherapeut wird das bestätigen, zum Erscheinungsbild jener „endogene Depression“ genannten Krankheit. Auch davon, daß die diagnostische Zergliederung zwar ununterbrochen stattfindet, aber den Betroffenen weder „bessert“ noch „normalisiert“, kann jeder jemals von dergleichen Befallene ein todtrauriges Lied singen.
Wir haben es hier mit dem Zustandsbild einer Klaustrophobie zu tun, das der — namenlose — Ich-Erzähler, ein Mathematiker „in den besten (!) Jahren“, in 33 Nächten (so die Aufteilung des absatzlosen, 213 Seiten langen Textes) in konziser Eigenanalyse aufzeichnet, in einer klaren, hochintelligenten, eiskalten, völlig unsinnlichen Sprache, die aber dennoch keineswegs der Anschaulichkeit ermangelt, und deren, à la longue nachgerade hypnotischer Faszination man sich je länger desto weniger nur schwer entzieht. Hier vernebelt und verhängt Tristesse kein Bewußtsein, sondern schleift es im Gegenteil zu Rasiermesserschärfe.
Dieser Mann, ein Outsider, Einzelgänger, ein Schwieriger, ein in jeder Beziehung äußerst gefährdetes Individuum, ein Egoist, Egozentriker, ja Egomane vielleicht wider Willen, hypersensibel, nahezu hysterisch lärmempfindlich, von Phobien vor Mitmenschen und den Möwen und, vor allem, dem unablässig wehenden, schneidenden, zermürbenden, entnervenden Wind vom Meer her gepeinigt, sitzt wochen-, monate-, jahrelang Nacht für Nacht am Schreibtisch seines Zimmers in einem Reihenhaus nicht weit vom Meer, vor sich nichts als sein verschwommenes Spiegelbild in der nachtdunklen Fensterscheibe, hinter der draußen unentwegt, ohne Unterlaß, zu jeder Jahreszeit, der unaufhörliche Wind bläst, und kritzelt apathisch-sinnlos Zahlen aufs Papier, bis diese Zahlen mählich verschwinden und sich unversehens zu einem schonungslos nüchternen Bericht über das stumpfe, leere Dasein dieses Eingeschlossenen verdichten. Anfangs hält er noch die notwendigsten Kontakte zu seiner Frau und seinem kleinen Sohn aufrecht, doch vermindern sie sich sukzessive, zusehends.
Der einzige, der in diese gespenstische Klausur eindringen darf, ist „Golli“, vulgo Andreas Golliczek, Sohn eines gleichfalls heimatvertriebenen, erfolgreichen, aber fachlich höchst umstrittenen Arztes, der sich schließlich von der Besucherplattform des Arminius-Denkmals im Teutoburger Wald selbstmörderisch zu Tode stürzt. Sohn Golli, der nicht zuletzt durch obskure Injektionsexperimente seines eigenen Vaters, in der Adoleszenz unheimlich verfettet und als Protest dagegen aufhört, zu reden, wird dem Mathematiker von einem ahnungslosen Psychiater, der ihn — just ihn! — als „Ausbund von Neurosenfreiheit“ ansieht, als „Privatschüler“ geschickt, damit er wieder sprechen lerne.
Zehn Jahre dauern diese unregelmäßigen Visiten des bedauernswerten Monstrums Golli, der das Land, in dem sie leben — es dürfte sich um Bremerhaven handeln —, als „Haut eines Wals“ erlebt, und am Ende einem seiner heißgeliebten Schwäne die Flügel bricht (offenbar seine Art von Katharsis). Und während dieser Zeit findet zwischen diesen seltsamen Partnern, diesen karikaturalen Exemplaren der menschlichen Rasse, zwischen zwei Einsamkeiten sui generis, eine Art Umkehrung des Verhältnisses Lehrer/ Schüler oder Herr/Knecht statt, die Identitäten gleichen einander an, die akute Bedrohung nimmt beiderseits überhand, bis Golli seinen „Lehrer“ allein, sprachlos und vollends verwirrt zurückläßt, ausgeliefert dem Wahn, der Verstörung, dem Absterben, dem Nichts.
Indem an symbolkräftigen Schreckensbildern ohnehin nicht armen Text spielt sich folgende grausige Episode ab: Golli, der ein Faible für Vögel hat, beobachtet, wie sich zwei Schwäne auf einem See einander nähern, sich, anscheinend liebevoll, zu schnäbeln scheinen, bis auf einmal der eine des anderen Kopf mitsamt einem Stück Hals in sich hineinschlingt. Derart hilf- und rettungslos ineinander verbissen, kreiseln sie einige Male panisch auf dem Wasser und — versinken, erstickt. Das ist, meine ich, die auf das Ganze zu beziehende Schlüsselszene, und damit eine makabre Apologie der äußersten Einsamkeit, des unentrinnbaren Ausgesetztseins als einzelner, denn sie enthält das schreckliche, aber wohl unwiderlegbare Fazit: Läßt du dich auch nur einmal mit einem deinesgleichen ein, wirst du verschlungen und gehst unweigerlich unter.
Das alles erinnert in seiner ausweglosen Negativität, seiner totalen Leere, seiner Todesnähe und seinem „Nullismus“ von weitem an die Prosa Samuel Becketts, außerdem könnte man sagen, hier sei Thomas Bernhard, vor allem in seinen früheren Büchern (wie „Frost“), eine ernste, ernst zu nehmende und kongeniale „Konkurrenz“ erwachsen, ohne daß damit etwa Abhängigkeiten konstruiert werden sollen.
Man fragt sich freilich, was Eigner nach diesem bohrenden, quälenden, todessüchtigen Endspiel noch schreiben kann und wird. Doch ist „Golli“ in all seiner trostlosen Unheimlichkeit, vor allem wegen der ungeachtet einer manischen Vorliebe für etwas verquere Satzstellungen kompromißlos-souveränen, maskulin harten Sprachbeherrschung ein höchst bemerkenswertes Buch und, als Erstling betrachtet, geradezu stupend zu nennen.