Monologe zur Selbstüberprüfung

Der Bremer Autor Gerd-Peter Eigner veröffentlichte seinen ersten Roman: „Golli“. Von Simon Neubauer. Weser-Kurier vom 20./21. Mai 1978. In einer Diskussion unmittelbar nach dem Erscheinen seines ersten Romans sagte der Bremer Autor Gerd-Peter Eigner, daß es ihm unmöglich sei, den Inhalt von „Golli“ in drei Sätzen zusammenzufassen. Könnte er es, hätte er nicht über zweihundert Seiten zu schreiben brauchen. In der Tat ist es äußerst schwierig, auch in einer Rezension, die Geschichte Gollis und seines Betreuers, des Ich-Erzählers, zusammenraffend wiederzugeben. Nicht daß es an „handfesten“ Fakten fehlte, aber sie sind nicht das Wesentliche des Buches. Vielmehr sind es die Reflexionen, die der „Lehrmeister“ über sich, seinen Schüler und über die Auswirkungen ihrer ungewöhnlichen Verbindung anstellt— in langen Monologen der Selbstüberprüfung. In einer Selbstbefragung und Selbst-Überprüfung, die melancholisch, in der absoluten Abkapselung, in der Einsamkeit, im Schweigen endet.
Da sitzt also der Ich-Erzähler, ein mehr und mehr seinen Job negierender Mathematiklehrer, Nacht für Nacht und später auch Tag und Nacht in seiner Dachkammer auf dem vom Vater ererbten Ledersessel, den Blick auf das reflektierende Fenster gerichtet, und schreibt „aus einem Kopf an denselben Kopf“. Und während des Schreibens versucht er, Klarheit zu gewinnen über sich, seine Störungen, Irritationen, Beschädigungen und Brüchigkeiten, über die eigene Herkunft und die seiner Frau, über das Verhältnis zu eben dieser Edda und dem Sohn, vor allem aber zu Golli, der immer wichtiger wird und schließlich Leben und Denken des Schreibenden bis zur Selbstaufgabe beherrscht.
Dieser Golli ist eine herausfordernde, weil ganz und gar am „normalen“ Leben vorbeitreibende, ja sich diesem Leben verweigernde Figur: ein leidgeprüfter und leiderfahrener Mensch von „überbordender Unförmigkeit“, in den „unheimlichsten Erschütterungen heimisch geworden, dicht am Rand der Verzweiflung beherbergt“. Der Erzähler hat ihn vor zehn Jahren zur psychischen Betreuung angenommen und führt mit ihm Gespräche mit dem Ziel der „Heilung“, die allerdings nicht gelingt, ganz im Gegenteil: Die Verwundung des „Patienten“ überträgt sich auf den „Arzt“, der den sonderbaren Taten Gollis und, noch bedeutungsvoller, dem Schweigen Gollis nicht gewachsen ist und sich allmählich von seiner „festen, gefestigt scheinenden Position“ löst, und zwar in allen Bereichen des Lebens. Denn Golli behauptet sich als „enorme hoffnungslose Herausforderung“, als ein Prüfstein, den zu wälzen „ein aussichtsloses Unterfangen“ ist. Und trotzdem stellt sich der Privatlehrer diesem Unterfangen — nicht aus Neugier, schließlich auch nicht mehr mit dem Ziel der „Heilung“, sondern letzten Endes mit der quälenden Absicht, zu sich selber zu finden. Und diese Selbstfindung führt zu einem .neuen Golli in der Person des Erzählers.
Gerd-Peter Eigners Romanerstling „Golli“ (Deutsche Verlagsanstalt, Stuttgart. 213 Seiten, 28 Mark), durchzogen von Melancholie, Resignation und psychischen Gefährdungen anderer Art, die auf ein Abkapseln von der Umwelt, selbst von der eigenen Familie, zusteuern, ist nicht nur ein herausragender schriftstellerischer Talentbeweis, sondern auch ein Stück Prosa von ganz eigengeartetem, unverwechselbarem Zuschnitt. Gewiß, sie macht es dem Leser nicht leicht, biedert sich bei ihm keine Sekunde lang an, bleibt distanziert, seismographisch genau registrierend und von einer fesselnden Tiefe der Gedanken. Aktion wird nebensächlich im aufregenden Fluß der Gedanken, die in zwingender Logik und in einem überaus differenzierten, flexiblen Ausdruck aneinandergekettet sind - weit ausgreifend in Vergangenheit und Gegenwart und immer wieder das einzige Ziel ansteuernd: die Selbstüberprüfung. Denn Golli ist im Grunde das andere Ich des Ich-Erzählers, ein Teil der Persönlichkeit, die sich Nacht für Nacht aus Unzufriedenheit mit sich selbst und der gegenwärtigen Welt zu einem psychischen Rechenschaftsbericht, zur seelischen Reinigungsarbeit, zwingt.
Der Bremer Autor, der sich inzwischen nach Kreta zurückzog, um am zweiten Roman zu arbeiten, macht es, wie gesagt, dem Leser nicht ganz leicht. Denn er spart inmitten der kunstfertig ineinander verhakten, gedankenschweren Prosa nicht mit bildhaften Synonymen, die sich nicht immer gleich auf Anhieb enträtseln lassen. Da ist der Wind, der ständige Wind, der über die Haarwurzeln in den Kopf dringt, noch am ehesten zu deuten als ewiger Druck auf die menschliche Psyche; da sind die Schwäne, die Golli so liebt und die er aus den zugefrorenen Gewässern des Stadtparks zu retten sucht, wohl als Symbole der Reinheit, der Freiheit, der Transzendenz zu erkennen; da sind aber auch, keineswegs grundlos, die schreienden Silbermöwen, die, wie vieles andere, der Umsetzung bedürfen.
Doch das Wesentliche dieses Buches bleibt die in präzisem Denken geformte Darstellung eines Menschen, der sich aus einem „neurosenfreien und doch glücklichen“ Dasein befreit, der sich herausheben will aus der Masse von Leuten, die „im Schlaf ihre Auflösung proben“, der sich für sich selbst entscheidet und während eines aufregenden Prozesses in die Gefährdung hineinwächst und diese helle, sensible, wenn auch mit Leid verbundene Gefährdung bewußt annimmt.