Über Gerd-Peter Eigner

in: Neues Handbuch der Gegenwartsliteratur seit 1945. Hrsg. von Thomas Kraft Eigner, Gerd-Peter, geboren am 21.4.1942 in Malapane/OS. als Sohn eines Ingenieurs, der 1945 bei einer Vergeltungsaktion sowjetischer Truppen den Tod fand. Der Sohn kam nach Dresden, überlebte die Bombennächte vom 13. und 14. Februar 1945, übersiedelte 1949 nach Wilhelmshaven, besuchte dort die Volksschule und anschließend das Humanistische Gymnasium. Nach vorzeitiger Beendigung des Schulbesuchs übernahm er ein Redaktionsvolontariat bei der »Wilhelmshavener Zeitung«, das er ebenfalls abbrach. Danach lebte er ein Jahr lang in Paris und betätigte sich dort als Gelegenheitsarbeiter, Hauswart und Übersetzer. In diese Phase fallen seine ersten erzählerischen und lyrischen Arbeiten. 1961 kehrte er nach Deutschland zurück, besuchte das Wirtschaftsgymnasium in Oldenburg und bestand 1964 die Reifeprüfung. Danach studierte er Volkswirtschaft und Soziologie an der Universität Hamburg, wechselte 1965 zur Pädagogischen Hochschule Oldenburg und wirkte seit 1969 als Lehrer für verhaltensgestörte Kinder, zunächst an einer Sonderschule, dann in einem Jugendfürsorgeheim in Bremen. 1971 schied er aus dem Schuldienst aus und lebte dann als freier Schriftsteller auf Kreta, in Toulouse/Frankreich und auf Formentera/Balearen. 1976 kehrte er erneut in die Bundesrepublik zurück. Nach Aufenthalten in Bremen. Berlin und Rom ist er heute hauptsächlich in Paris ansässig. - Eigner erhielt 1977 das Villa-Massimo-Stipendium, 1978 den Hörspielpreis des Österreichischen Rundfunks und den Kulturpreis der Stadt Bocholt, 1983 den Förderpreis des Kulturpreises Schlesien des Landes Niedersachsen, 1985 ein Stipendium des Deutschen Literaturfonds und 1987 ein Arbeitsstipendium der Niedersächsischen Landesregierung im Künstlerhof Schreyahn. 1982 war er Stadtschreiber auf Burg Kniphausen bei Wilhelmshaven.
Eigners Romanfiguren kennen kein Mittelmaß, sie leben extrem, teilweise sogar exzessiv; tief verstrickt in ihre persönliche Katastrophe leiden sie an einer defizienten Welt, fliehen vor einer chaotischen und sinnlosen Wirklichkeit in wahnhafte Geistes- und Seelenzustände, um sich über die eigenen inneren Abgründe hinweg in friedvollere Refugien zu retten. In der Rolle des distanzierten Außenseiters, in die sie sich nicht immer freiwillig begeben mußten, finden sie Zeit, den eigenen Verstörungen nachzuforschen, sich in der Summe ihrer Erinnerungen die Gespaltenheit der eigenen Persönlichkeit zu vergegenwärtigen. Diese Protokolle der Selbstvergewisserung dokumentieren aus der Perspektive der bilanzierenden Lebensrückschau die Verstrickungen dieser Anti-Helden in verdrängte Komplexe, in schuldhafte Handlungen, in haltlose Leidenschaften. Alle hegen den Wunsch, »genauere Auskunft über den Zustand der übrigen Welt« zu erlangen, aber erst durch das Aufsprengen einer Leib und Seele gleichermaßen lähmend einschließenden Kapsel, durch eine »Persönlichkeitserosion« (U. > Horstmann) und durch das dadurch möglich werdende Ausleben bislang unterdrückter Phantasien, durch eine nun entstehende Chance zu Sühne und Selbstfindung können die Widersprüche und Mißstände dieser Zeit überhaupt ausgehalten werden, macht sich so etwas wie Hoffnung breit »Der Zwiespalt war aufgehoben, weil ich den Widerspruch annahm. Ich wurde überhaupt erst der eigentliche Widerspruch, der ich schon immer war«, sagt der Erzähler in dem Roman Brandig (1985). Gefährdet sind alle, die Frakturen allgegenwärtig, der dialektisch angelegte Heilungsprozeß nur durch »Lebensdurchdringung« statt durch »Lebensumgehung« zu erreichen.
Kigners Romandebüt Golli (1978), nach zwei unveröffentlicht gebliebenen Romanen, zeigt noch nihilistische Tendenzen. Die zehnjährige, zwischen Therapie und Freundschaft liegende Beziehung zweier hochgradig neurotischer und hochsensibler Männer - eines Mathematiklehrers und seines jungen, verfetteten Schützlings Golli - bricht auseinander, als sich die Rollen allmählich verändern, sich ihre Identitäten einander nähern, der Lehrer als vermeintlicher »Ausbund an Neurosenfreiheit« sprachlos wird und dem Wahnsinn verfällt. Als zentrales, symbolträchtiges Bild in diesem Roman wirkt die Beschreibung zweier Schwäne, die scheinbar liebkosend miteinander schnäbeln, bis plötzlich der eine des anderen Kopf und Hals verschlingt, beide unentwirrbar ineinander verstrickt sind, schließlich ersticken und untergehen. In Brandig (1985) trifft man den Erzähler auf der Suche nach seinem verschwundenen Freund und ehemaligen Kompagnon Paul Brandig, dem gegenüber er sich nach einer Affaire mit dessen Frau noch schuldig fühlt. Auf der Reise nach Griechenland und Italien findet der Erzähler, ein ordnungsliebender Numismatiker, in der Konfrontation mit einem archaischen Ritual griechischer Inselbewohner und der Beziehung zu einer Lesbierin erstmals wirklich sich selbst, per Zufall auch Brandig in Rom, folgt ihm wie in Trance nach Paris, wo dieser ihm während eines 24stündigen Kneipenstreifzugs in einer von Alkoholexzessen immer wieder unterbrochenen Lebensbeichte von den Motiven seiner Flucht (ein vermeintlich begangener Mord an der Geliebten) und seiner leidenschaftlichen Liebe zu einer faszinierenden Frau berichtet. Empfand der Erzähler Brandig ursprünglich als Abspaltung der eigenen Persönlichkeit, als idealisierten Teil seiner Selbst, wendet er sich am Ende dieser Begegnung, in der Brandigs neu gewonnene Lebenszuversicht offenkundig wird, eher befremdet von dieser Radikalität, von ihm ab und kehrt in seinen bürgerlichen Lebensalltag zurück.
Mitten entzwei (1988) »ist ein Buch über den Körper, der letztlich wieder identisch wird mit dem Geist: einem gespaltenen Geist, der größenwahnsinnig ist. Dieser Geist hat die Welt für Generationen vernichtet. Wir haben uns alle schuldig gemacht, weil es für die folgenden Generationen keine gesunde Welt mehr geben wird« (Eigner, 1989). Der Titel des Buches ist wörtlich zu nehmen: es geht ein Riß durch die Figuren des Buches, physisch wie psychisch. Der Kaufmann Henk Kromminga verunglückt beim Sprung ins Meer und ist daraufhin querschnittsgelähmt, zudem hat er ein inzestuöses Verhältnis mit seiner Nichte, »eine Heimsuchung, eine Besessenheit eine Verstrickung, eine Manie«. Sein Bruder steht als Baurat und Naturschützer zwischen allen Fronten und erleichtert sein Gewissen, indem er die von ihm gebauten Deiche, die das Biotop des Wattenmeeres gefährden, heimlich untergräbt. Die fortschreitende Zerstörung der Umwelt und der damit verbundene Verlust von Heimat erweisen sich als die sichtbaren Zeichen einer ans Pathologische grenzenden Bewußtseinslage der Menschen; sie lösen bei sensiblen Personen wie den in Eigners Texten vorkommenden Romanfiguren blankes Entsetzen aus und lassen den Wahn als einzigen Sinn zu.