»Mitten entzwei«

19. Kapitel

»Genaugenommen«, sagte ich, »ist hier alles von unterst zuoberst gekehrt, alles steht Kopf, hier ist es genau umgekehrt wie überall sonst auf der Welt.« Mitten entzwei - TB Mitten entzwei Sagte es, als sie mich fragte, wie ich es denn hier so fände. Das müsse doch ziemlich komisch sein für mich, »total tote Hose, oder?«
Ich glaube, ich verstand sie nicht ganz richtig, knüpfte aber unmittelbar daran an.
Und dabei, sagte ich, hätte ich Sachen gesehn und erlebt, die könne man sich gar nicht vorstellen. Windsturz, Sturmwind, Orkane. Hurricans von verheerender Gewalt. Ja, Hosen, Windhosen, Sandhosen, Wasserhosen, sogenannte Tromben, dort, wo ich wohnte, sagte ich, vor allem Tornados genannt.
Nein, nicht daß ich sie hätte belehren oder gar beeindrucken wollen, aber - ich weiß nicht wie und warum; verschiedene andere - Hajo, ehemalige Mitschüler, Nachbarn, die aufgetaucht waren, um den Heimkehrer zu begrüßen - hatten ebenfalls wissen wollen, wie ich es denn hier so fände, nach so langer Zeit. Und da war es nicht nur die gewisse Mundfaulheit, in die ich, gedrängt zu persönlicher Meinungsäußerung und bekenntnisoffener Stellungnahme, gern augenblicklich verfalle, mittels derer ich mich aus der Affäre zog und den Sachverhalt gerecht neutralisierte. (»Nicht uninteressant«, sagte ich etwa - oder: »Nein, doch, sehr interessant, was sich da getan hat.«) Es war vor allem anderen die grundlegende, in einem langen Kaufmannsleben verfeinerte und mir geradezu in Fleisch und Blut übergegangene - ostentative - Bescheidenheit, die unbedingte Vorurteilslosigkeit und stille Selbstachtung des Gastes und Fremden, die mich leiteten. Hier aber, auf die Frage des Mädchens, meiner Nichte, mit der ich nächtens auf einer Kurparkbank saß, kam ich richtiggehend - ich weiß nicht wie und warum, oder besser: noch wußte ich es nicht - auf Touren. Und kam, obwohl ich durchaus weiter auszuholen gewußt hätte bezüglich der Wetterverhältnisse, der klimatischen Konstanten wie Varianten an den Küsten Alabamas - und, da diese ja wenig weitläufig sind, nicht nur die Alabamas - schließlich frei und offen auf die hiesigen Verhältnisse zurück. Nicht aber ohne der ganz offenbar aufmerksam Lauschenden doch eben noch ein eindrucksvolles Beispiel davon gegeben zu haben, was man andernorts so zu sehen und zu erleben bekommt. Denn das, was sich andernorts tut, interessierte - wie ich alsbald auch an der sozusagen aktiven Teilnahme an dem, was ich zu berichten hatte, erkennen konnte - diese gut anderthalb ausgestreckte Männerarme von mir entfernt sitzende und die flachen Hände zwischen ihre Pluderhosen- oder Türkenrockbeine steckende Person doch ganz über die Maßen.
»In Mobile, wo ich wohne«, sagte ich, »gibt es Tornados ...«
»Ich weiß, die decken die Dächer ab.«
»Nicht direkt«, sagte ich - oder: »Nicht nur.«
»Die transportieren ganze Häuserzeilen von einer Stadt in die andere«, sagte sie, »hab ich selbst gesehn im Fernsehen.«
»Sicher«, sagte ich, »aber -«
Aber, sagte ich, abgesehen davon, daß die Mobile Bay, ganz ähnlich dem Jadebusen, nicht zu verwechseln sei mit Floridas exponiertem Osten - es ginge nicht allein um die großen Angelegenheiten, die ins Auge springenden und sattsam bekannten. Vielmehr gelte es, die kleineren, die die weitaus bemerkenswerteren seien, zu beachten. Von denen werde niemals berichtet.
»Und die wären? Los, ein Beispiel«, sagte sie.
Und so gab ich das Kiefernnadelbeispiel zum besten. Es gebe Tornados in Mobile, Alabama, die seien von solcher Gewalt, daß sie die an den Stränden und Küstenstraßen stehenden Kiefern entnadelten.
»Na und? Ich dachte entwurzeln.«
Die Nadeln aber, ließ ich mich nicht beirren, fände man dann zu Tausenden und Abertausenden wie Pfeile senkrecht in die Stämme weicherer Bäume gebohrt wieder, und zwar von unten bis oben und oben bis unten, eine ganze Seite entlang, wie das aufgestellte Nagelbrett eines indischen Fakirs.
Ich glaube, das saß. Die Nichte faßte sich, wenn ich mich recht erinnere, mit den Fingerspitzen an den Kopf und strich sich oberhalb des - übrigens weiß im Mondlicht schimmernden - Ohrs wie mechanisch und wie in fernste Fernen reichender Nachdenklichkeit über die schwarzen Stoppelhaare.
»Und wenn das richtige Tornados sind«, sagte sie, »dann müssen die sich doch drehn, oder?«
»Natürlich.«
»Und warum stecken dann die Nadeln nicht von allen Seiten her rund um den Stamm?«
Das, sagte ich, wüßte ich auch nicht, ich hätte die in anderen Bäumen -,
»Palmen?«
-.ich wüßte nicht so genau, aber vielleicht auch in Palmen steckenden Fichtennadeln immer nur an einer Seite der Stämme stecken gesehen und wüßte auch nicht warum. Wahrscheinlich weil, wenn so ein Tornado erst einmal aufkomme, er den ersten großen Schwung aus einer ganz bestimmten Richtung bezöge.
»Oder«, sagte sie, »weil auch nicht rundherum um die weicheren Bäume und Palmen die Kiefern stehn mit ihren Nadeln. Nicht einfach kreuz und quer, oder? Sondern in einer ganz bestimmten Richtung.«
»Stimmt«, sagte ich, »die Kiefern stehen in wäldchenartigen Gruppen. Und meist - dort jedenfalls, wo ich meine - auch näher am Wasser.«
»Toll!«
Aber, sagte ich, um auf die Frage zurückzukommen, wie ich es hier so fände, da könne ich nur sagen: ebenfalls toll. Ich hätte völlig vergessen gehabt, was hier los sei.
Das Mädchen rückte näher an mich heran, sah mich, glaube ich, wenn ich das in dem von stetem Wolkenflug verdunkelten und wieder befreiten Mondlicht richtig erkannte, mit einigem Erstaunen an und sagte: »Zieh ab!«
Das erstaunte - nein: das traf nun mich. Hatte doch derlei zu meiner Zeit bedeutet, man solle abhaun, Leine ziehn, verschwinden. Es bedeutet aber heute, wie ich noch nicht wissen konnte (und zumindest aus dem Munde Swantjes), etwas anderes.
»Zieh ab«, wiederholte sie, »leg los.«
Und so legte ich - ich wußte selbst nicht wie und warum - los und zog ab. Und kam auf den Himmel zu sprechen, den Himmel hier. Die Wetterverhältnisse oben. Und unten. Auf alles, was Kopf steht dieserorts und hierzulande, jedenfalls an diesem Küstenstrich, dem einzigartigen, an dem ich aufwuchs. Und den man nur wirklich kennenlernt, wenn man weggeht. Und wiederkehrt. Denn wenn man nicht wiederkehrt, dann weiß man von nichts.
Hier, sagte ich, wo alles flach sei, weit, platt, flach, trübe und öde, wo nichts den - nehmen wir es selbst von künstlich erhöhtem Standort, dem Deich etwa, aus - über die Stadt und das Land schweifenden Blick belebe, wo alles daläge in größter Verlassenheit, einförmige Häuser und Straßen, Schuppen, Hallen, Werftanlagen, Wohnanlagen, die trostlosen Krankenhäuser und Friedhöfe, Gerichtsgebäude, Tankstellen, Schulen, ja, vor allem die Schulen, samt der wie Widerhaken in die wüst geordnete Unabsehbarkeit und Eintönigkeit getriebenen Strommasten, Funkstationen, Futtersilos, Radaranlagen, Schiffs- und Bootsmasten und Kräne -
(ich hielt einen Augenblick inne, um mich nicht in der mich selbst überraschenden Reihung, ihrem entschiedenen Sinn und Sog, dem wie von einem ferngesteuerten Sprachprojektor auf eine riesige innere Sprechleinwand projizierten Bild, zu verlieren)
- hier, sagte ich, wo nichts sei, weil es keine Landschaft gebe, die man Landschaft nennen könne, weder eine städtische noch ländliche, wo selbst zu menschenverlasseneren Zeiten immer nur die Weite und Verlassenheit des grauen Meeres und die Weite und Verlassenheit des grauen, braungrauen, grüngrauen Landes geherrscht hätten, endlose Wiesen und Weiden, Tümpel und Sumpfstrecken, selbst die auf Wurten und Warften geworfenen Ansiedlungen grau und unter den Wind geduckt wie - all diese dämmrig-diesige Kargheit und Kahlheit nur bekräftigende - Maulwurfshügel; Kleiwüsten, Äcker und Marschenverschwemmungen, niedergehalten von Sommernebeln und Winternebeln, Herbstverdunstungen oder Frühlingsgedampfe, vervielfältigt von Entwässerungsgräben und in der Leere endenden Wegen -
(ich mochte an dieser Stelle ein weiteres Mal innegehalten haben)
– hier, sei es der Himmel gewesen, sei der Himmel die Landschaft, der Himmel die Erde, der Himmel, auf dem sich alles abspiele, der Glanz und ...
»Mensch«, hörte ich die Nichte neben mir sagen - und ich könnte beschwören, daß ich sie richtig verstand, »das gibt’s gar nicht, echt Sahne, der Sound.« Wohlgemerkt, den Wortlaut verstand ich; den Sinn, nun, den entnahm ich eher dem staunenden, ich glaube, ich gehe nicht zu weit, wenn ich sage: dem bewundernden Tonfall. Denn schließlich feuerte sie mich regelrecht an.
»Los, noch'n Kick, weiter«, sagte sie. Sie ballte sogar die Fäuste.
Und so machte ich natürlich weiter, ich wußte selbst nicht, wie und warum, es trieb mich, ich konnte nicht anders. Ich beschrieb, mit meiner Nichte unter dem von Wolkenflug und Mondlicht erhellten nächtlichen Himmel sitzend, den Himmel, wie er über mich gekommen war bei meiner Heimkehr.
Ich sei ja mit dem Flugzeug aus den Staaten gekommen, sagte ich. Sagte es, zugegeben, ein wenig zerstreut; als nähme heutzutage noch irgend jemand wie zu meiner Zeit zum Beispiel das Schiff. Von Frankfurt hätte ich natürlich noch einen Lufthansaflug nach Bremen kriegen können, aber nach so vielen Jahren, sagte ich, hätte ich gedacht, solle man nichts überstürzen. Und ich hatte richtig gedacht. Man müsse, sagte ich, hineinwachsen, zurückwachsen ins Land - und hinaufwachsen, hinaufwachsen, sagte ich, zur Küste; wobei ich selbst am wenigsten wußte, daß ich auch hier schon nicht mehr allein von einer einzuschlagenden geographischen Richtung sprach (bodenhaftend nach Norden!), sondern wie auf das selbstverständlichste von einer Art Auffahrt gen Himmel. Der sich wölbt über die Küste, das Meer. Man müsse sich, sagte ich, langsam nähern, bis sich das Vertrauteste öffne auf alles. Man könne es schon von ziemlich weit her spüren.
»Ab wo?« vernahm ich neben mir wie von sehr weitem.
»Ach, so«, sagte ich, »sagen wir: so von irgendwo zwischen Hannover und Bremen«.
»So?« klang es nun ein wenig zaghaft und dünn in die Nacht.
Ich sei also mit dem Zug gekommen, sagte ich, und hätte trotz der frischen, ja einigermaßen kühlen Wetterverhältnisse, die noch bis vor wenigen Tagen geherrscht hätten wie hierzulande halt zu allen mir noch in Erinnerung gebliebenen Zeiten im Mai, das Abteilfenster einen Spalt weit offengelassen. Von innen, körperlich innen, sei mir durchaus ein wenig heiß gewesen. Wegen der Aufregung. Man komme sozusagen, sagte ich, nicht alle Tage nach fünfundzwanzig Jahren nach Haus. Vielleicht sei mir auch heiß gewesen wegen der zwei/drei Drinks, die ich an der Flughafenbar in Frankfurt, oder dem einen zusätzlichen Drink, den ich im Speisewagen des Schnellzugs nach Bremen zu mir genommen hatte, wegen der Aufregung eben auch. Jedenfalls hätte ich es schon irgendwo zwischen Hannover und Bremen, spätestens aber nach dem Umsteigen in den Eilzug zwischen Bremen und Oldenburg gespürt. Und gerochen. Ja, ich hätte gerochen, wohin es ging. Selbst bei geschlossenen Augen hätte ich gewußt, wohin es ging. Sagte ich. »Obwohl das, was ich bei geöffneten Augen sah, etwas durch und durch anderes war als das, was ich gekannt hatte. Das, was ich sah, ergab wahrhaftig ein verändertes Bild von allem. Auch wenn die Weite und die Verlassenheit des Landes auf mir unerklärliche Weise die gleiche geblieben waren. Je weiter der Zug vordrang - Richtung Norden -, je weiter ich eindrang in die altbekannte und zugleich zutiefst fremde Verlassenheit und Weite des Landes, die von sichtlichen Wandlungen, unerfindlicher Willkür heimgesuchte Anordnung der Dinge, die sich wie auf einer von zentrifugalen Kräften beschleunigten Dreh- und Wirbelscheibe, von mir ausgehend aus meinem Eindringen katapultierte: Gegenstände, Widerstände, Winzigkonstrukte, die zahllosen kleinen, kreuz und quer in die Ebene gestreuten Klötzchen und Würfelchen, die Häuser, Gebäude, Gehöfte, die auf mich zustoßenden und sich von mir wegwindenden Flecken, Striche und Bänder, Straßen, Ausbaustrecken, Autobahnen, Zäune, Leitschienen, Mäuerchen, all die weit und hell zementierten Höfe, die blendenden Dächer, die mit Werbeslogans und Firmennamen beschrifteten Hallen und Transparente und überall kleine und größere Fahnenstangen, Fahnen und verblichen bunte Wimpelkordons wie Hemmnisse der die Erinnerung sammelnden Gedanken im Blick« -
es sei Mittag gewesen -:
und ich sei eingedrungen und nähergekommen, und je tiefer ich eingedrungen und nähergekommen sei, desto bedrohlicher habe sich alles geneigt. Bis es gekippt sei. Ich hätte aus dem Fenster des Zuges nach oben gesehen. Wo der Himmel es schließlich gewesen sei, ich könne es nicht anders sagen, der mich, als kippte ich schon mit, aufgefangen, ja, mich gewissermaßen gefunden habe. Denn was mich anbelangte, so hätte ich ihn weder gesucht noch erwartet. Ich hätte das Land gesucht, aus dem ich stammte. »Und nun ersetzte mir der Himmel das Land.«
Wo es keine Landschaft gebe, ließ ich mich geradezu hinreißen zu sagen zu dieser Nichte zu meiner Linken, da übernehme der Himmel den Trost. Wenn man Glück habe. Und also zumindest hier. Denn ich hätte, sagte ich, Gegenden bereist, nein, die möchte man niemandem empfehlen. Da sei der Himmel nichts als der schreckliche Spiegel der Erde. Wolkenlos strahlend tödliche Himmel im Angesicht sand- und aschegeglätteter todesglühender Wüsten. Leere, Dürre, Steine. Weder Wasser am Himmel noch Wasser am Boden. Vielerlei pflanzen- und wolkenloses, tier- und schattenfernes Gelände. Das aus dem Horizontalen ins Vertikale gesteigerte Nichts. Man wisse, wenn man nie weggewesen sei, sagte ich - mit einem Mal, erinnere ich mich, war mir, wie vom eigenen Wortschwall, seltsam schwindlig und schwerelos geworden -, man wisse, wenn man nie weggewesen sei, gar nicht zu schätzen, was einen hervorgebracht habe - (so zum Beispiel hätte ich mich unter anderen Umständen kaum ausgedrückt). Da werde die Dürftigkeit, die man frühzeitig fliehe, zum Quell, ja, nachgerade zum lebenspendenden Quell der späteren Tage.
Ich glaube, das Mädchen neben mir räusperte sich. Und rückte hin und her. Ich weiß nicht, ob ein Stück näher heran zu mir oder ein Stück weiter weg.
»Schon aus dem Zug habe ich die Wolken gesehn, die in unaufhörlicher und unerschöpflicher Bewegung über den Himmel wandernden Wolken. Es war ein besonders windgetriebener Tag. Das Fliegen und Stürzen und Steigen, die wattigen Aufbauschungen und die schäumenden Einbuchtungen, die Ballungen und atmosphärischen Brüche, diese die fehlende Landschaft ersetzende Offenbarung der Luft und des Lichts. Die Farben, unter deren Dach die Grenzenlosigkeit zu einem Heim wird.«
Und als ich dann am Hauptbahnhof ausgestiegen sei, sagte ich, hätte ich endgültig nur noch Augen für oben gehabt. Seitdem sei ich wie ein Hans-guck-in-die-Luft durch die Stadt und die ganze Gegend gegangen.
»Wäre nicht dein Vater gewesen«, sagte ich - aber da wurde ich schon unterbrochen.
»Den kannste da rauslassen«, kam es ganz tonlos von seitwärts.
Na ja, .sagte ich denn auch, als könnte ich mich, dankbar ernüchtert, noch fangen, sei schließlich überhaupt alles nicht so wichtig.
»Doch, sehr wichtig«, aber sagte sie. Zwang mich also weiterzugehn. So daß ich auch noch weiter auszuholen nicht umhinkam.
Ich sprach von den Tageszeiten des Himmels.
Schon was sich am Morgen, wenn die Sonne noch gar nicht über den Rand, die Meeres-, Watten- und Wiesenhorizonte, die Deiche, getreten sei, tue, übertreffe alles, was sich rege am Boden. Da erhöben sich die wahren Landschaften hier. Gelblich rosa schlierende Streifen und Schichten streckten sich aus dem Osten, in dem die Wälder der Nacht versänken, und ein Dämmer von unaussprechlicher, unvorstellbarer Kühle und Wärme zugleich erfülle die Welt. Wie unabsehbare Tundren, Pußtas und Steppen lägen die Nebel im Licht. Einsamkeiten von herzzerreißender Stille. In die mählich Rinnsale spielten, das Rieseln von silbern gewundenen Bächen, die sich unter den sanften, dunstigen Hieben der ersten Strahlen lichteten zu Flüssen und Strömen, Seen. Die Öffnung und Teilung der Landschaft, über die, kaum sei die Sonne in vollem Rund aus dem einen Ende der Welt gestiegen, am anderen, im Westen, mit unbewegt wehenden Schals und weiß und wuchtig in den Tag wachsenden Helmen die Reiter auftauchten, die ersten einzelnen, kaum einzureihen in Trupps, nie einzugliedern in Heereseinheiten, ganze Armeen, nichts als einzelne Ballungen von Wolken, die dahinzögen, während, wieder auf der Gegenseite, aus den Rändern und Versumpfungen Lichtpfeile hervorschössen wie Schilf. Im Zenit aber Fell- und Kristallbegegnung. Das große Blau der Frühe. Schöpfungstag. Die Schöpfung im Stand des immer Ersten und Neuen. Man höbe unwillkürlich die Stirn, lege den Kopf tief in den Nacken und blicke steil ins Zentrum der Dinge. Die Dinge aber seien die immer reicher und mächtiger aus den Höhen herniederwachsenden Formationen, die Geologie der Himmelkrusten und -kräfte, die Schaffung von Eis. Denn nichts anderes als reinstes Eis, auch im Frühjahr und Sommer, sagte ich, seien die fernsten Wolken. Daher auch ganz einfach Eiswolken genannt. Aus den flüchtig-feinen, den allerhöchsten, den Schleierwolken glitten die luftigen Schäfchenwolken herab, um sich allmählich, je näher sie kämen, desto dichter zu weiten weichen Kissen von Federwolken zu wandeln. Dieser das Firmament umspannende und in sich verspannende Firnis von Eis, der die Schichtwolken bilde, werde nicht zufällig und bezeichnenderweise auch von den Fachleuten des Wetters schlicht das Wolkenmeer genannt. Und wie es nun sei mit den Meeren, so sei es auch hier: sie stießen an Küsten. Man blicke nur um sich. Auf dem Wege vom Osten nach Westen komme niemand am Norden und Süden vorbei. Dort erhöben sich, sagte ich, stetig und steil die Berge, die stärkeren Rundungen und Schultern, wuchtige Klötze und Hänge. Schneeige Kuppen, ein Gipfel- und Grateaushub nachgerade, weißwogende Schluchten wie Betten. Nur an den Rändern beschattet, fadenscheinige Zipfelgraus, warme Schmuddeligkeiten. Oder unvermuteter schärfster Goldglanz. Die Schnitte höchstherrlicher Messer. Jedenfalls - und ja nun - ein unvergleichliches gewaltiges Bauschen und eine geradezu alpin zu nennende Sache. Während, schlügen wir diese etwa dem Norden zu, im Süden dann wie zum Ausgleich die sanfteren Landstriche das Auge anzögen. Es weiteten sich Täler, von milden kirschsprossengrünen und olivgrauen Flanken bewegte Terrassen, Stufen pastellener Breitseiten, die zu Anhöhen führten - wieder in vollkommenstem Weiß! um sich anmutig und wie von gespielter Erschöpfung wieder in mattere Töne zu senken. Auch all dies nichts als Luft, Licht und Farbe. Es flögen Vögel. Schwarze, weiße, blaue, gelbe und grüne. Und es sei nie ausgemacht: Sind sie die Eigenerscheinungen der Landschaft des Himmels, oder sind sie die irdischen Vögel, kraft ihres Flugs dem Himmel zur Verfügung gestellt? Und überall die Bänder von bläulichen Schatten, sie liefen als Wälder und Waldungen die stillehaltenden Hügel entlang, liefen quer zu in weiten Mulden ruhenden Stämmen, schuppig borkigen riesigen Körpern, die sich alsbald und in der Tat als Riesen erwiesen, mächtig gebläht den Brustkorb, gesattelt, gepolstert die Schulter und gemächlich schüttelnd die Waden. Da griffe denn ein Gähnen um sich, das allen Luftraum verdränge, und weiße Fäuste ballten sich, die Frühe des Tags zersprengend, in Richtung Mittag. Sie griffen mit ihren gesammelten Extremitäten, nicht allein den kreidebleich kantigen Fäusten, den wuchtigen Pranken, nein, selbst mit den schneemannsknolligen Zehen und gegeneinandergepreßten Fersen, ja, mit der Nase, den buschigen Brauen und den Zipfeln der Ohren nach allerlei Zeugs, nach Steinen, Fels und Geröll, nach Krumen und Klumpen, vielerlei Material, um mit diesem im Treiben des Weltwinds den Nachmittag zu bauen.
Der Nachmittag nämlich sei, sagte ich, die in die Himmelslandschaften gefügte Architektur. Kumulus, Stratus, Altostratus, Stratokumulus, Altokumulus und Nimbus, Nimbostratus sogar und Kumulonimbus, die Haufen- und Quellwolken also, die Schichtwolken und Haufenschichtwolken, die Regen- und die Gewitterwolken, die ich zu meinem Vergnügen und der Baumeister Zwecke auf den Nachmittag verlegte - sie alle lieferten das Material für die Ausstattung der immer üppigen mittäglich-nachmittäglichen Landschaft.
Da eröffneten sich einem die erstaunlichsten Veduten und Prospekte, wie ich sie nennen wolle, denn sie kämen herauf wie alte, zum Leben erweckte Bilder. Wie Ansichten und Stiche. Heroische Landschaften, ideale, intime. Urzeitliche Panoramen würden von mittelalterlichen Breitseiten erfaßt, und romantische Würfe zielten ins Zentrum allermodernster Phantasmagorien. Da seien die Brücken und Pfeiler, die Kämme und Stürze, die Stege aus Dampf und die Stufen aus Dunst wie aus Daunen. Wolkenbögen, Wolkenstützen, Wolkentürmchen. Kämme, Kanten, Lichtdurchbrüche, Durchstieg, Einbruch, Übergang. Enorme Konstruktionen. Die wandernden, sich ständig wandelnden, sich aufwerfenden und windenden Plattformen, die sich dem, dessen Auge sich niederzulassen trachte, wechselweise ebneten und wieder entzögen, um hier strahlenden, dort verstohlenen Himmelsblicken und -blitzen den stärkeren Auftritt zu lassen. Um jäh zu zerstäuben, zu brechen in Leichtigkeit und Luft. Und dann wieder andere Gerüste. Viadukte. Rhythmische Stelzen. Aquädukte, geneigt. Darüber hin in Schußfahrt der Lauf der Gewässer. Oder auch ein zähes und gemächliches Treiben. Dunkel glitzernde Flächen. Sowie die Segel auf diesen Wegen. Glanz von vielerlei Kähnen und Nachen, flatternd, gebläht und gerafft. Weißschattig windverwirbelte und windversunkene Zeichen. Und wo auf der einen Seite die blendendsten Pfirsichblütengirlanden, über Hecks und Bugspriete getoppt, die Bläue der Unendlichkeit teilten, legten auf der anderen schon die Schiffe an, die alle Farben zu dicken Ballen gebündelt über die Horizonte trügen. Schattenschiffe, Quarz, von höchster Sonne beschienenes Schwarz. Bis im Handumdrehn Boot, Floß, Mann und Maus in den Fluten versänken - und hinterdrein die Fluten versänken in sich. Ja, Bewegung und Stille. Und neuer Aufbruch. Eine glitzernde Schiene ins All und darauf wie ein Zug, ein Eisenbahnzug mit lichten Waggons, die grellen Ladungen. Tiefseeblaugrün und Türkis. Ölflaschen-Moosmoder-Graswurzelgrün. Kristallisches Gift in die Kurve. Ein weiß der Himmel - buchstäblich: der Himmel! aus was für jeder Menschenhand unerreichbaren Strahlen- und Lichtbrechungstöpfen geschöpft; Mischung, Verquickung. Und immer, kaum sei das eine in bauschigen Tunneln verschwunden, trete aus dem Nichts das andere hervor. Aus dem Sinken wüchse das Steigen. Tempel, zum Beispiel Tempel. Marmorpilaster und Tuffsteinlisenen zu Architraven und Archivolten gewunden. Und schon wieder verschwunden. Statt dessen in sich erhebenden Ebenen Dörfer, Siedlungen. Weiler. Hier ein Schornstein, dort ein Qualm. Und ein Flackern. Es brennten aber noch nicht die Scheunen. Es türmten sich Hochöfen auf, Schlote. Eine Regenfabrik. Und Wolkenkratzer aus Wolken stießen steil aus den Stadtzonen hervor. Da gebe es Achterbahnen, man müsse die Windungen und das Gefälle beachten, Trassen und Schanzen. Und wenn es kein Skiflug sei, sagte ich, der dort ins Blau hinein ausgeführt werde, dann sei es die Prozession der Gläubigen, die die Kathedralen verließen, die Kathedralen, die sich gegenüberstünden wie die Pfeiler der Welt. Aber auch Moscheenkuppeln, mächtige Wölbung. Gotische Lichtbögen seien in unendliche Fernen geschlagen, und das Ganze werde, bevor es zerfalle, einfach hinter Stahltore gesperrt, die im Sonnenglast blitzten wie Spiegel. Dann sei auch schon alles wieder still, wie besänftigt, und beschirmt von anthrazit- und malvenfarbenen Fahnen. Und allerüppigsten Gärten, geteilt von flimmernden Platanenalleen, Blüten- und Blättergeranke, duftenden Anlagen und tief verwunschenen Parks. Höhepunkte gestaltender Kraft. Wobei im aufkommenden Nachmittagswind, der frischeren Brise, Lurchtiere, Frösche und Kröten, die Form von Elephanten annähmen, erst Tonne, dann Rüssel, die zu Giraffen zerflockten. Um wieder zu wolkigen Bäumen zu werden. Eichen, Erlen und Lärchen könne man ausmachen. Rotbuchen auf Feuergraswiesen. Das Flammen, das übergreife auf den sich nähernden Abend. In dem nun, sagte ich, die alles an Ort und Stelle des Himmels stellende Kraft sich selbst vollende. In Feuer, Vernichtung und Brand. In einer Zerstörung, die alles heil lasse, ja, heilige, die einfach nur in jedermanns Herz senke den Stachel der Zeit eines einzigen Tags. Denn nichts sei gewaltiger und schöner, sagte ich, als das Glühen des Abends. Ich ginge, sagte ich wie zu mir selbst, von einem der schöneren Abende hier aus. Eben einem im Mai.
Da ginge die bewegte Statik über in stete Ekstase. Letztes Profanes werde endgültig sakral, wenn auch in wildwüster, urtriebgeschleuderter Gestik. Ein immer weiter absackendes Schieben und Treiben der Wolken, das Schichtungen und Schwellungen schaffe. Ein letztes Aufschwemmen der Helligkeiten aus Blau, Schnee und Minze. Ein Aufquellen nun von Rostrot, Mandel und Mohn. Im Stau der die Horizonte belagernden Matten und Unterholzkissen entzünde sich - Selbstentzündung! - der Funke. Der Abend, sagte ich, das könne die Überhandnahme aller Himmelserscheinungen sein. Da erhebe sich ein Brennen und Züngeln in den wuchtigen Mauern, den Ritzen und Kerben der Bauten und Bäume. Ein tausend- und abertausendfaches Brechen der Spektren. Der Glanz und der Reichtum des Hellen, die Klarheit, von vorbeifliegenden Wattewannen durchkreuzt und gewaschen, jetzt tauchten sie ein in Tinte, Schwefel, Phosphor und Feuer. Wo Schiffe und Schlösser und Schutzmauern stürzten. Wie die Wolkenkratzer aus Wolken. Wo Hütten und Höfe taumelten. Es bräche die Welt auseinander. Sandsteinsockel, Marmorbüsten. Vögel. Das Firmament im Inferno. Finale. Alles, sagte ich, löste sich auf in einer atemberaubenden Apotheose der Schönheit, einer apokalyptischen Zusammenfassung und Beschließung des Tages. Wozu es, sagte ich, nicht einmal eines Gewitters bedürfe. Alles spiele sich ab in säuselnder Stille, das Stürzen, das Tosen, das Wüten und Wuchten, tiefste, wie solle man sagen? dramatische Stille. Die an den Enden des Himmels vertäute Bühne, auf die grelle Kante des Horizontes gestellt. Ein Drama, das, während es seine ungeheure Wirkung zeitige, sagte ich, übe und ausübe auf uns, uns doch auch verschone. Der Abend, ein Frühlings- und Sommerabend, könne das Entscheidende sein. (Und wie! das kann ich heute nur unterstreichen: und wie! Und fuhr denn auch, nicht wissend wie und warum, ganz blindlings fort.) Zyklopenhände griffen nach den Bäumen des Alls, sagte ich, das Zyklopenauge zerrisse das Laub. Gerupft und entblättert landeten die Stämme im Feuer des Westens, während im Osten das Alte wüchse. Die Dschungel und Urwälder. Was auf der einen Seite nicht verglühe, das werde von der anderen verschlungen, sagte ich. Lianen und Finsternisarme, Schlingpflanzen und Sumpfstauden trieben aus allem. Das lautlose Stürzen über unseren Köpfen ein ebenso lautloser Fraß des hereinbrechenden Dunkels. Es könne lediglich sein, daß irgendwo eine Glocke läute. Hier unten. Auf Erden. Oder eine Schiffssirene einen tiefen Ton der Trauer ertönen ließe. Oder ein Vogelschrei...
Dann aber trete die Nacht ein, sagte ich.
Pause.
Ich blickte - hätte nicht eine kleine Wolke vor dem Mond gestanden, wäre es ihr, die neben mir saß, kaum entgangen -: ich blickte mit Sicherheit irgendwie hilflos, verlegen, wenn nicht gar scheu. Und zu Boden. Als hätte ich mich mit diesem Wortschwall selbst in die Ecke gedrängt. Denn, nicht wahr? das wird jeder bestätigen können, der mich kennt: so hatte ich mich bis dato selbst nicht kennen können, gekannt.
Das einzige aber, was ich zu meiner ausladenden Himmelsbeschwörung von der neben mir sitzenden Person zu hören bekam, war dies eine Wort und Wörtchen, ich habe mich nicht verhört: »Geil.«
Und blieb, genaugenommen, auch nicht das einzige. Denn kaum hatte ich es gewissermaßen wie einen Fussel abgestreift von meiner - vom eigenen Ungestüm schon hinreichend mitgenommenen - Wahrnehmung, kam noch ein zweites, ungleich heftigeres und kräftigeres hinzu. Und dieses nun lautete: »Echtaffentittengeil.« Ich habe es als großes zusammenhängendes Wörtchen im Ohr.
Und schlug es, da mir aufzugehen begann, was es auf sich hatte mit den Wörtern, die diese Nichte benutzte, schließlich zusammen mit dem ersten kurzerhand der Bewunderung zu, die mir und meiner eingestandenermaßen nicht ganz freiwilligen Wortmacht und Wortfülle galt. Obwohl ich mich meinerseits, wie gesagt, eher schämte. Denn diese Macht und Fülle, diese dem Hiesigen dargebrachte Emphase, diese Art von Erdverlorenheit und Sphärenbegeisterung, eine wahrhaft sonderbare Naturverbundenheit, die da mit einem Mal von mir Besitz ergriffen und die ich umgehend ungeprüft und schamlos an den Tag - oder vielmehr: die Nacht - und zu Füßen dieser Tochter meines Bruders gelegt hatte, diese Naturverbundenheit ging weit über das, was ihr zugrundelag, die Heimkehr, hinaus. Sie war mit mir durchgegangen. Es war durchgegangen mit mir.
Nicht genug aber, daß ich bis heute nicht weiß, wie wir eigentlich auf diese Parkbank geraten waren, auf der wir saßen, - ich kann nur annehmen: nach Swantjes Feierabend im Colosseo auf direktem Wege gleich links ab und die nächste Kreuzung links rum, vorbei an der Rückfront der Stadtsparkasse, geradewegs hinein in den Park - ich weiß noch weniger, wie ich von dieser Parkbank wieder heruntergekommen bin. Ich weiß nur, daß sie, meine Begleiterin, mit einem Mal weg war. Sie löste sich auf wie in Luft.
Es sei denn - es kann natürlich sein - mag angehn. Daß wir doch noch eine Weile zusammensaßen. Wenn es so war, dann wird der Rest vermutlich folgendermaßen vonstatten gegangen sein.
Sie wird noch hinzugefügt haben, daß sie das mit dem Himmel so bislang selbst noch gar nicht gesehen hätte. Worauf ich zur Antwort gegeben haben werde, ich auch nicht.
Wir werden dann eine ganze Weile schweigend dagesessen haben. Einmal wird sie sich geschüttelt haben, als ginge ein Frostschauer durch ihren ganzen schmalen Körper. Ich werde ihr meine leichte Leinenjacke über die Schulter gelegt haben. Mit Sicherheit werde ich es noch nicht gewagt haben, ihr die blonde Strähne von der Stirn zu streifen. Sie wird ihrerseits aber von selbst ein Stück näher an mich herangerückt sein, so daß sie mich mit meinem Ärmel am nackten Arm berührte. Ich selbst werde zu frieren angefangen haben.
Da die Bank, auf der wir saßen, auf einer kleinen Anhöhe stand, die einmal von dem Baggergut aufgeworfen worden war, das der Kurparkteich vor unseren Augen hergegeben hatte, sahen wir zwangsläufig auf Wasser.
»Dort«, werde ich gesagt haben, um gewissermaßen wieder ein bißchen Boden unter die Füße zu kriegen, »dort sind die früher im Winter immer Schlittschuh gelaufen.«
»Machen sie heut noch im Winter«, wird Swantje gesagt haben.
»Dort haben die Mädchen und Jungen die ersten Bekanntschaften geschlossen.«
»Und du? Du nicht?«
»Nein, ich nicht«, werde ich gesagt haben. Ich sei zum Schlittschuhfahren immer mit dem Fahrrad hinaus aus der Stadt gefahren, zu den Kanälen. Ich sei von Dorf zu Dorf Schlittschuh gelaufen. Und meist auch allein.
»Einsamer Wolf, was?« wird Swantje gesagt haben, wobei ich nicht gewußt haben werde, wie sie es meinte. Ich ahnte ja noch nicht, wie schnippisch jeder Ernst bei ihr ist. Oder wie ernst das, was schnippisch.
Und dann wird sie wohl nach einigem Nachdenken gesagt haben: »Hast du das Rad noch?«
»Was für ein Rad?«
»Das Fahrrad.«
»Keine Ahnung.«
»Wahrscheinlich«, wird sie gesagt haben, »ist es die vergammelte Karre im Keller.«
Die brauchte ich ja nur abzupusten und aufzupumpen, und dann.
Jedenfalls verabredeten wir uns für den folgenden Nachmittag um drei im Cafe Schmölders am Hauptbahnhof, den, wird sie gesagt haben, nein, sagte sie mit Sicherheit, bevor sie sich in Luft auflöste, den kennte ich ja.
Ja, so wird es gewesen sein. Denn, was mich anbelangt, so hätte ich mich kaum mit ihr verabredet. Nach so einer Nacht. Nach so einer Blöße. Die ich mir gegeben hatte mit diesem Himmel.
Es war gegen vier Uhr morgens. Es wurde schon hell, als mir meine Jacke über den Kopf geworfen wurde.
Schmölders, nachmittag um drei, blieb mir im Kopf.
Als ich zu Hause, im Haus meiner Kindheit und Jugend anlangte, ging die Sonne auf. Und ich stieg die Stufen hinauf - zu ihrem Reich. In dem mich ihr Vater untergebracht hatte. Ich stieg über die mit schwarzen und dunkelblauen Samtvorhängen bedeckten Matratzen hinweg, auf denen ich schlief. Und lief noch eine ganze Weile zwischen den Plakaten und Farbglanzphotos hin und her. Zwischen Renn- und Geländemaschinen, halbnackten Gitarristen und Körperverrenkern, sowie den Postkarten mit Leo X. von der Hand Raffaels und Paul III. von der des Tizian. Lange blieb ich vor dem Poster stehen, wir erinnern uns: Estasi di S. Teresa di Gesù von Bernini. Rom. Das müßte man sich mal im Original ansehn. Chiesa di S. Maria della Vittoria. Die könnte ich ihr mal zeigen.