Aus Rollstuhlsicht

Gerd-Peter Eigners Roman „Mitten entzwei“. Von Wend Kässens. Süddeutsche Zeitung, 29. Juni 1988. Starker Tobak! Dieser Gesellschaftsroman wird Kritik und Leser spalten, mitten entzwei. 416 Seiten, erzählt aus der Perspektive eines Rollstuhlfahrers, aus „Rollstuhlsicht“, wie es im Roman heißt - ein Kranken-, ein Behindertenreport, aber ganz anders, als man vermuten mag.
Henk Kromminga, genannt Stroff, Exportkaufmann in Mobile, Alabama/USA, kehrt nach über 25 Jahren an den Ort seiner Kindheit und Jugend, in die Marine-Stadt Wilhelmshaven an der deutschen Nordseeküste zurück. Aus dem geplanten dreiwöchigen Urlaub werden drei Monate, da Stroff sich in seine 17jährige Nichte Swantje verliebt. Schließlich bleibt der Heimkehrer für immer in Deutschlands Norden: Bei einem Sprung von der Mole ins Meer zieht er sich eine Querschnittslähmung zu. Nun sitzt er im Hause seiner Jugend im Rollstuhl, bei seinem Bruder, dem Deichbauingenieur, und schreibt was er sieht, hört und denkt - wie alles kam.
Der Hörspielautor, Lyriker und Romancier Gerd-Peter Eigner, 1942 in Oberschlesien geboren, heute als Außenseiter der deutschen Literatenlandschaft in Paris lebend, kehrt mit seinem neuen Roman zurück an den Ort, an dem der erste Teil seiner Spaltungs-Trilogie als Krankengeschichte begann: Auch der Roman „Golli“ von 1978 - das Protokoll eines Wahnsystems, in das sich der Therapeut des Patienten Golli hineinsteigert, um nicht dem Chaos anheimzufallen, das ihn umgibt -spielt in Wilhelmshaven. In zweiten Teil, dem Roman „Brandig“ von 1985, begibt sich der Ich-Erzähler europaweit auf die Suche nach der eigenen Identität im verschwundenen Vorbild und Freund Brandig, um schließlich schmerzhaft zu erfahren, daß er einem uneinholbaren Phantasma hinterhergejagt ist.
Nun also „Mitten entzwei“. Das anspielungsreiche Buch, das auf den realistischen Roman des 19. Jahrhunderts, auf die Klassiker der Moderne und auf den Nouveau roman verweist, zeichnet ein tragikomisches Bild der Psychopathologie unseres Alltags. Im Zentrum steht der Riß im menschlichen Bewußtsein, zwischen Wollen und Können, zwischen Denken und Sagen, zwischen Bild und Wirklichkeit. Der Riß geht buchstäblich durch Kopf, Herz und Körper. Das gewünschte Leben entartet im gelebten Leben in ungeheuren Projektions- und Verdrängungswucherungen, in psychischen und physischen Krankheiten. Davon handelt Gerd-Peter Eigners Buch, und das kann es für den Leser durchaus schmerzhaft machen: es rührt an verborgene Schichten. Der Leser wird Zeuge einer erschreckend emotionslosen Bilanz. Der Querschnittgelähmte, der Paraplegiker, hat das Leben gezwungenermaßen ad acta gelegt - was bleibt, ist das Nachdenken, das Beobachten, das Notieren: Vor dem Hintergrund einer durch Ölraffinerien, Kraftwerke, abgetakelte Tanker und militärische Einrichtungen verschandelten Landschaft am verseuchten Meer kommen die Größenphantasien des Kleinstadtlebens und die Monstrositäten im scheinbar Privaten zu Wort.
Wir erfahren von dem „Viertelinzest“ zwischen der jungen Swantje und dem Ich-Erzähler Stroff - eine erotisch ausufernde Disco-, Rocker- und Liebesgeschichte, die sich traumatisch in Natur- und Wolkenvisionen einer weiten, norddeutschen Landschaft spiegelt und in ihren Beschwörungen des Unmöglichen die französische Tradition literarischer Grenzüberschreitungen, von Laclos bis Bataille und Genet, nicht verleugnet. Wir erleben mit, wie Stroff mit dem Kopf zuerst ins Meer springt und als ein anderer wieder herauskommt - womit die Liebesgeschichte abrupt endet, aber sich mit der schwangeren Swantje gleichwohl eine Perspektive in die Zukunft öffnet. Wir sehen, wie Stroffs Bruder Hajo in Anfällen von Schizophrenie auf den Deich loshackt, den er selbst gebaut hat, weil mit seiner Arbeit, der Eindeichung zum Zwecke der Landgewinnung, gleichzeitig die Zerstörung des organreichsten Biotops, des Wattenmeeres, verbunden ist. Je erfolgreicher seine Arbeit, desto mehr Zerstörung. Eine Dialektik, die das Buch bestimmt bis in historisch allzu ausführliche und deshalb nicht immer kurzweilige Exkurse des Deichbauingenieurs über die Geschichte des Deichbaus und die Kultur friesischer Seeräuberei.
Wir werden informiert über die Toten der Familie und die Todesursachen, bittere Details über Illusionen, zweifelhafte Karrieren, über Verluste, übers Scheitern und Sterben, „keiner ist schnell genug, um seiner Schwermut auf die Dauer zu entkommen“, heißt es. Bittere Details auch darüber, wie die Eltern ihre Kinder als Projektionsfläche des eigenen Versagens mißbrauchen und Erziehung immer nur Zerstörung ist. Wir reagieren pikiert, wenn Stroff sich auf der Toilette ausräumt, wie er schreibt, weil er die untere Körperhälfte nicht mehr fühlt, sehen ihn in der Rehabilitationsklinik angesichts der Ganzkörpergelähmten als affenartig Beweglichen und begreifen, was es heißt, wenn er von seinem vor den Widersprüchen immer hilfloser werdenden Bruder sagt, auch er „hätte der Vorbereitung bedurft für das Leben danach“. Ohne Eifer, ohne Zorn, nüchtern sensibel wie ein Seismograph, registriert Stroff das Gefälle zwischen dem, was die Menschen darzustellen versuchen und dem, was sie darstellen, Leben nur noch aus zweiter Hand. Und er registriert - in langen mäandernden Sätzen, die, wie die emphatischen Sätze Thomas Bernhards, den Leser immer mehr in das Geschehen hineinziehen - die Erschütterungen, die Unruhe und Ängste, in die sein Zustand die Menschen in seiner Umgebung stürzt Der Kranke ist für den, der sich gesund wähnt, die Bedrohung schlechthin.
Der Riß geht durch die Menschen, durch die Generationen, die Natur, die Länder, die Sprache - nichts ist, wie es scheint, jedes Bild, das der Autor im Kopf des Lesers erzeugt, erweist sich als trügerisch, bei näherem Hinsehen lösen sich die Konturen in immer neuen Bildern auf. „Der Lachende hat die furchtbare Nachricht nur noch nicht empfangen“, heißt es in Brechts Gedicht „An die Nachgeborenen“. Hier wird es Ereignis: Die Janusköpfigkeit, die Doppelbödigkeit von Sprache, Bild und Geschehen. Der Paraplegiker, der Querschnittgelähmte als Ich-Erzähler entfaltet von seiner aus der Vertrautheit des Alltags gerückten Aussichtsplattform, dem Rollstuhl, ein zur Kenntlichkeit verrücktes Panorama unserer Existenz. Wie ein Spiegel bricht und reflektiert der Behinderte, was an Welt auf ihn einströmt und macht so an den Bruch- und Aufprallstellen erkennbar, was die glatte Oberfläche verbirgt. Darunter schwärt und eitert es, treten die offenen Wunden zutage, die Geschwüre und Verletzungen, die physischen und psychischen Krankheiten, aber auch die verdrängten Wünsche, das uneingestandene Begehren, längst Vergessenes, Beerdigtes, Zugeschüttetes, nicht zu vergessen die uneingelösten Hoffnungen, die Utopien - durch den Riß in der Oberfläche dringen harsch die Widersprüche und Krankheiten unserer Zeit ans Licht. Ein halbes Jahrhundert Leben in einer bundesdeutschen Provinz, die enge Welt einer norddeutschen Kleinstadt, der Makrokosmos im Mikrokosmos. Der begrenzte Bewegungsspielraum des Ich-Erzählers macht es nötig, und das ist im Sinne des artifiziell komponierten Romans und seines Autors nur konsequent. Die Welt und was sich in ihr tut als existentielle, gallig böse Provinzposse, zum Verzweifeln traurig und komisch - das ist der Inhalt dieser obsessiven, lesenswerten Krankengeschichte.