Zerreißproben: Gerd-Peter Eigners dritter Roman und seine beiden Vorgeschichten

Trilogie der Extreme. Mitten entzwei. Von Ulrich Horstmann. Die Zeit, 29. August 1988. Schauplatz: das Land der Ostfriesenwitze. Thema: wie einer zurückfindet aus Mobile in Alabama — altindianisch für „hier ruhen wir“ — in die Immobilität hinter den Deichen. Auslöser fürs Erzählen: mangelnder Tiefgang.
Das ist ganz wörtlich gemeint, denn Henk Kromminga, genannt Stroff, der Affe, vermutet am Fuß der Mole, von der er springt, auch in der Vertikale ein paar Meter Meer, die nicht da sind. Diese Fehleinschätzung macht ihn für wenige Minuten zu einer komischen Figur und für den Rest seines Lebens zum Krüppel. Kopfüber steckt er im Schlick, und der Mann, der ihm das Leben rettet, besiegelt zugleich sein Schicksal, weil beim Herauszerren und An-Land-Ziehen ein Fragment des gesplitterten Wirbels ins Rückenmark eindringt.
Die Rehabilitationskur, die dem Krankenhausaufenthalt folgt, bessert nichts; sie ist lediglich Einübung in die zersprungene, halbierte Existenz des Paraplegikers, in ein mitten entzwei, das sich unterhalb der Gürtellinie nicht mehr spürt. Nur gibt sich der Ich-Erzähler Kromminga nicht damit zufrieden, zu lernen, wie man Druckstellen im gefühllosen Fleisch vermeidet, seine Blase kontrolliert und den Darm „ausräumt“; er will vielmehr auch mit seinem Lebens ins reine kommen, das invalide war, lange bevor der Unfall passierte.
Wie schon in Eigners 1978 erschienenem Erstling „Golli“, der dem Autor ein Villa-Massimo-Stipendium einbrachte, wie in dem meisterhaften — und unprämierten — zweiten Roman „Brandig“ (1985), so geht es auch in diesem dritten Buch um Existenzbehauptung durch Erinnern, um ein Sich-auf-die-Spur-kommen durchs buchstäbliche Anschleichen und Festhalten, um die Bewältigung eines „Erschreckens über den Kopf in Mark und Bein“. '
Stroff, der Affe, hat gleich seinem Vorgänger Paul Brandig reichlich Veranlassung, „die tiefsten Abgründe seiner Seele“ auszuloten und sich dahin vorzutasten, „wo das Herz stille steht“. Denn dem erfolgreichen Landmaschinenverkäufer, der nicht zuletzt dank illegaler Exporte nach Kuba „sein Schäfchen im trockenen“ hat, gerät nicht nur seine in den USA zurückgebliebene Familie aus den Augen. Er hat auch seinen Bruder, der ihn nach dem Unglück ebenso ahnungslos wie aufopferungsvoll pflegt, hintergangen, indem er mit dessen minderjähriger Tochter, der von zu Haus ausgerissenen Swantje, ein Verhältnis anfängt, das sich zu „einer Heimsuchung, einer Besessenheit, einer Verstrickung, einer Manie“ auswächst.
Eigner greift hier das Thema der selbstzerstörerischen, aber auch selbstentdeckerischen sexuellen Obsession auf, bei deren Darstellung er schon in „Brandig“ kein Blatt vor den Mund genommen hatte, was der Kritik denn auch die eine oder andere keusche Beschwichtigungsgebärde abnötigte. Dabei gibt es nicht das geringste zu beschönigen. Die meisten Figuren Eigners schlagen über die Stränge, suchen den Exzeß. Golli, den sein Vater mit der Spritze erziehen wollte, ißt, bis er aus allen Nähten platzt. Sein Hauslehrer, der über den Fall Bericht erstattet, schreibt sich in dreiunddreißig Erzählnächten an den Rand des Wahnsinns. Der Terroristen-Anwalt Brandig benutzt die Liebe, um sich in ein Wrack zu verwandeln, sein mit Münzen handelnder Freund mumifiziert innerlich, wird bei intakter Fassade zum Ebenbild jener Moorleichen, für die er sich zu Beginn des Romans so lebhaft interessiert.
Das Sich-zugrunde-Richten, das vielleicht immer auch ein verzweifelter Versuch ist, mit letztem Einsatz Grund zu finden und Boden unter die Füße zu bekommen, geht in »Mitten entzwei“ - fast rutschte einem heraus: munter – weiter. Die Familie Kromminga, von der Hajo, der Bruder Stroffs, einmal sagt, es liege kein Segen über ihr, ist reich an einschlägigen Biographien. Eigners Ich-Erzähler betet sie fast litaneihaft herunter: Selbstmord der Schwester, jahrelange Bettlägerigkeit des an einem Lymphdrüsenkarzinom dahinsiechenden Vaters, die sich angesichts des Pflegefalls ins Herzversagen »davonstehlende“ Mutter, Swantje, die Nestflüchterin, die in der Subkultur einer Motorrad-Gang Geborgenheit sucht, und endlich die beiden ungleichen Brüder selbst: der beamtete Deichbauingenieur, der nachts Sabotage treibt an den Befestigungswerken, und Stroff, der Affe, „wie im ureigensten Element in Verstrickungen hängend und hangelnd, als seien sie das sicherste Netz, das nie reißt und durch das der derart Begabte zuallerletzt stürzt“.
Dieses befremdliche Aufgefangenwerden stößt in Eigners Geschichten all denen zu, die sich hineinfallen lassen in eine persönliche Katastrophe, die immer auch „die genauere Auskunft ist über den Zustand der übrigen Welt“. Sie haben Glück im Unglück, denn ihr Unheil wird tragfähig; der seidene Faden, an dem Leben und Weiterexistieren schließlich noch hängen, hält nicht nur, er verwandelt sich in eine Axt Nabelschnur, ermöglicht eine - allerdings lädierte - Wiedergeburt.
Wir haben es hier mit einer höchst paradoxen Erfahrung zu tun, die so gar nicht in die Alltagsnorm einer Welt passen will, in der es „keine Ordnung gibt außer der Reihe“, und die deshalb auf Künstler angewiesen ist, die Regelwidriges, nein, nicht verteidigen oder propagieren, sondern anschaulich, nacherlebbar vermitteln. Gerd-Peter Eigner ist ein solcher Vermittler, und ein hochbegabter obendrein. Wer „Brandig“ gelesen hat, der ist um eine existentielle Erfahrung reicher; und es gibt Kapitel darin, in denen man versinken kann wie im Moor, das ja nicht nur erstickt und Ersticktes konserviert, sondern, richtig dosiert, auch Linderung bringt, heilt.
Wovon aber kuriert Eigners „Sprachnahme“ einer alogischen, widerborstigen, katastrophalen Welt, die wir abgedunkelt haben und am liebsten ganz hinter unserem pragmatischen Wahrnehmungshorizont verschwinden ließen? Von jener Einäugigkeit zum Beispiel, die übersieht, wie sich gerade die „hoffnungslosen Fälle“ zu Hoffnungsträgern mausern könnten.
In Gollis Abschiedsbrief steht der lakonische Satz: „Ich bin gerettet.“ Als der „Brandig“-Erzähler in Griechenland in eine „heilsame Verwahrlosung“ gerät, sich gehenläßt, verkommt, wird er zum ersten und zum einzigen Mal lebendig, knüpft nahezu mystische Kontakte an zu den Dingen, „tritt“, wie es heißt, „zurück in die Würde der Welt“. Dieses Aufwachen, Aufschrecken, „Erschauen“ und Erschaudern erklärt er sich mit eben der Persönlichkeitserosion, die wir gemeinhin als Identitätsverlust oder Selbstaufgabe anprangern: „Der Zwiespalt war aufgehoben, weil ich den Widerspruch annahm. Ich wurde überhaupt erst der eigentliche Widerspruch, der ich schon immer war.“
Einen derartigen Gewinn durch Verlust, das Ganzwerden durch das Zerbrechen dokumentiert „Mitten entzwei“. Henk Kromminga hat seinen Sündenfall hinter sich und darüber hinaus auch seine körperliche „Einfalt“ verloren. Und eben deshalb kann er feststellen, daß „der von der Hüfte abwärts paralysierte Mensch komplexer ist. Geteilt in einen, der sich fühlt, und in einen, der sich nicht fühlt. Und doch unverbrüchlich eins und sozusagen mit sich selbst inniglich verbunden. In mancher Hinsicht sogar im Vorteil. Denn er ist ein Doppelter. Ein Reicherer. Und Leichterer.“
Komplexität, Reichhaltigkeit, vor allem aber die an den nouveau roman erinnernde Fähigkeit zu minutiöser Beschreibung kennzeichnen auch Eigners Prosa, die etwa norddeutsche Wolkenlandschaften mit fast überirdischer Sprachmagie vor unserem inneren Auge heraufzubeschwören vermag. Allerdings erreicht „Mitten entzwei“ das stilistische und erzählerische Niveau von „Brandig“ keineswegs durchgängig. Vielleicht liegt das nicht zuletzt daran, daß sich die Detailtreue verselbständigt und in additive Detailbesessenheit umschlägt.
Eigner hat immer sorgsam recherchiert, und das „Brandig“-Kapitel über die Geschäftspraktiken unter Numismatikern ist ein Musterbeispiel dafür, wie man Spezialwissen funktional einbaut, ohne den Spannungsbogen dabei abreißen zu lassen. Demgegenüber wirken seine Exkurse in die friesische Historie seltsam trocken und wie lustlos dialogisierter Geschichtsunterricht. Die Beschreibung der amerikanischen Hafenstadt Mobile erinnert an Reiseführerprosa, und was seitenlang über Deichbau oder den namenlosen Schauplatz von „Mitten entzwei“, das erst 1869 als Basis für die deutsche Kriegsmarine aus dem Boden gestampfte Wilhelmshaven, verlautet, liest sich auch nicht kurzweiliger.
Dagegen wäre Brandigs Maxime zu setzen, die für Nachtschwärmer und Literaten wohl gleichermaßen Gültigkeit besitzt: „Man muß in Bewegung bleiben, sonst säuft (oder schreibt) man sich fest.“ Dieser Satz fällt sinnigerweise während jener vierundzwanzigstündigen Odyssee durch Pariser Kneipen, auf der der Titelheld seinem Freund von seiner amour fou, jener ruinösen sexuellen Tollwut berichtet,. die ihn ausgebrannt, zerstört und doch wie geheiligt in einer Dachkammer hat stranden lassen. Große, auch den Leser berauschende Literatur über den Wundbrand einer Seele. Gegen dieses von Gerd-Peter Eigner vor drei Jahren ausgeschenkte hochprozentige Sprachelixier ist das Nachfolgeprodukt, ist „Mitten entzwei“ wohl eher ein Longdrink.